Saskia Graf

1979

Saskia Graf BuddhaStiftung

2026

Saskia Graf 1979 – 2026

Ein Leben im Dienst von Dharma, Humanismus und Mitgefühl

Mit Saskia Graf verlieren wir eine Weggefährtin, eine enge Mitarbeiterin und eine Freundin. Vieles, was die BuddhaStiftung heute ist, trägt ihre Handschrift. Vieles, was wir in den vergangenen Jahren erlebt, aufgebaut und durchgestanden haben, haben wir gemeinsam mit ihr erlebt.

Wir haben Saskia 2017 kennengelernt, beim ersten Symposium der BuddhaStiftung. Aus dieser Begegnung wurde eine Zusammenarbeit, aus der Zusammenarbeit eine Freundschaft, und aus der Freundschaft jene besondere Verbundenheit, die entsteht, wenn man über Jahre gemeinsam an etwas arbeitet, das einem wirklich wichtig ist. Seit 2018 engagierte sie sich ehrenamtlich für die BuddhaStiftung, und über die Jahre wuchs daraus eine tiefe Verbundenheit: mit der Stiftung, mit uns beiden, mit Stephen und Martine Batchelor, mit Mike Slott sowie mit Sharon Tobias und dem Secular Buddhist Network in den USA.

Wenn wir an Saskia denken, kommt uns oft eine Szene aus dem Frühjahr 2020 in den Sinn. Wir hatten ein Symposium zu Ethik und säkularem Buddhismus vorbereitet, in Präsenz, wie immer. Dann kam Corona. Innerhalb weniger Tage mussten wir entscheiden: absagen oder ins Internet verlegen. Zoom kannte damals kaum jemand, wir auch nicht richtig. Saskia hat mitgetragen, dass wir es trotzdem versuchten. Mit ihrem technischen Verständnis und einer ruhigen Hand half sie uns, einen Weg zu finden, den damals fast niemand schon gegangen war. Es gelang.

Eine andere Erinnerung ist leichter und voller Freude. Ein Besuch im Felsentor, gemeinsam mit Saskia. Wir sehen sie noch vor uns, fröhlich, begeistert, ganz präsent in dem Ort, mit dem sie sich so tief verbunden fühlte. Diese Begeisterung war typisch für sie. Saskia konnte ernsthaft, klar und gründlich sein, aber sie konnte auch von Herzen begeistert sein, und wer das einmal erlebt hat, vergisst es nicht.

Ein Weg zum Dharma

Vor ihrem Engagement bei uns hatte Saskia in der Wirtschaft in leitender Verantwortung gearbeitet. Eine schwere chronische Erkrankung zwang sie, diesen beruflichen Weg aufzugeben. Auf diesem Weg kam sie mit dem Buddhismus in Berührung. Was als persönliche Suche begann, wurde im Laufe der Jahre zu einer weitreichenden Dharmaarbeit für andere Menschen.

Saskia brachte etwas Seltenes zusammen: organisatorische Kompetenz, sprachliche Präzision, persönliche Praxis und humanistische Grundüberzeugungen. Sie war Mitglied der Humanistischen Union. Buddhismus und Humanismus standen für sie nicht im Gegensatz. Beide verband sie durch die Frage, wie Menschen freier, verantwortlicher, mitfühlender und klarer leben können.

Übersetzen als Brückenbauen

Ein besonders wichtiger Teil von Saskias Arbeit lag in der Übersetzung wichtiger Werke des säkularen Buddhismus. Diese Arbeit geschah in einer Zeit, in der KI-Werkzeuge Übersetzungen noch nicht erleichterten. Sie erforderte Geduld, sprachliches Feingefühl und die Fähigkeit, zwischen kulturellen und philosophischen Welten zu vermitteln.

Saskia übersetzte unter anderem Stephen Batchelors „Wie Buddha in den Westen kam“ und „Die Kunst, mit sich allein zu sein“, Robert M. Ellis’ „Buddhas Mittlerer Weg“, Martine Batchelors „Loslassen lernen“, Winton Higgins’ „Arbeitsbuch Säkularer Buddhismus“ sowie den Online-Kurs „Säkularer Buddhismus“ von Mike Slott.

Diese Arbeit war mehr als sprachliche Übertragung. Sie war Brückenbau. Saskia half, Texte und Praxisformen zugänglich zu machen, die vielen Menschen im deutschsprachigen Raum einen neuen Zugang zum Buddha-Dharma eröffneten: undogmatisch, erfahrungsbezogen, ethisch orientiert und offen für die Gegenwart.

Aus der Nähe zu den Texten wurde Nähe zu den Menschen. Mit Stephen und Martine Batchelor verband sie über die Jahre eine persönliche Freundschaft. Auch mit Mike Slott und Sharon Tobias entstand eine vertrauensvolle Zusammenarbeit. Saskia war Teil eines weltweiten säkular-buddhistischen Netzwerks geworden: nicht als laute Vertreterin einer Richtung, sondern als verlässliche und kluge Stimme.

Räume für Praxis und Gespräch

Ebenso prägend war Saskias Engagement für lebendige Praxisgemeinschaften. Sie initiierte und moderierte zahlreiche Online-Gruppen, zuletzt „WortWechsel“. Dort entstanden Räume, in denen Menschen miteinander über Dharma, Alltag, Zweifel und ethische Fragen ins Gespräch kommen konnten.

Sie konnte Menschen zusammenbringen, Gesprächen Struktur geben und Räume offen halten, ohne sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Auch bei der Organisation und Begleitung von Online-Retreats war sie für viele Teilnehmende eine ruhige und zugewandte Präsenz.

Ihre Arbeit war nie nur organisatorisch. Sie war Ausdruck einer Haltung: Menschen brauchen Orte, an denen sie sich ernsthaft, offen und vertrauensvoll mit ihrem Leben, ihren Fragen und ihrer Praxis auseinandersetzen können. Saskia half, solche Orte zu schaffen.

BuddhiRefuge: Mitgefühl in konkreter Hilfe

Ein weiterer wichtiger Teil ihres Engagements war das Hilfsprojekt BuddhiRefuge in Thailand, das sie initiierte und betreute. Das Projekt unterstützt traumatisierte Frauen und Kinder und hilft dabei, sichere Lebensräume zu schaffen, in denen Schutz, Stabilität und Entwicklung möglich werden.

Auch hier zeigte sich Saskias Verständnis von Dharma: Mitgefühl bleibt nicht abstrakt. Es zeigt sich in konkreter Hilfe, in Schutz, in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. BuddhiRefuge verband für sie buddhistische Praxis, humanistische Ethik und praktisches Engagement.

Traditionsübergreifend, säkular, humanistisch

Saskia ging ihren Weg offen und über Grenzen hinweg. Sie war dem säkularen Buddhismus tief verbunden, aber nicht auf ihn beschränkt. Sie suchte Verbindung, nicht Abgrenzung. Sie pflegte Kontakte zu Lehrenden unterschiedlicher buddhistischer Traditionen und bewegte sich zwischen säkularem Buddhismus, klassischen Linien, Zen-Praxis und sozialem Engagement. Auch in der Arbeitsgruppe Säkularer Buddhismus der Deutschen Buddhistischen Union wirkte sie mit.

Was sie interessierte, war nicht die Zugehörigkeit zu einer Schule, sondern die Wirksamkeit der Praxis: Hilft sie Menschen, freier zu werden? Hilft sie, Leid zu mindern? Fördert sie Klarheit, Verantwortung und Mitgefühl?

Für ihr Engagement wurde Saskia 2024 mit dem “Outstanding Women in Buddhism Award” ausgezeichnet. Die Ehrung galt ihrem Beitrag zu einem offenen, säkularen und zugleich traditionsübergreifend verbundenen Buddhismus.

Verbunden mit dem Felsentor

In den letzten Jahren war Saskia auch als Managerin im Zentrum Felsentor tätig. Diesem Ort, der dortigen Praxisgemeinschaft und den Menschen dort blieb sie bis zu ihrem Tod tief verbunden.

Dass Saskia sowohl in der BuddhaStiftung als auch im Felsentor wirken konnte, sagt viel über sie. Sie bewegte sich nicht in Gegensätzen. Sie konnte in unterschiedlichen Kontexten Verantwortung übernehmen, weil sie das Gemeinsame sah: die Praxis, die Menschen und die Möglichkeit von Wandlung.

Krankheit, Praxis und ein letzter Weg

Nachdem sich ihre gesundheitliche Situation stabilisiert hatte, erhielt Saskia 2025 überraschend eine Krebsdiagnose. Sie nahm den Kampf gegen die Krankheit auf. Zugleich sprach sie selbst davon, dass ihre langjährige Dharma-Praxis ihr half, mit ihrer Situation ruhig und besonnen umzugehen.

Wir haben sie in dieser Zeit so gut wir konnten begleitet, und wir verdanken ihr in diesen Monaten viel. Sie blieb auf eine besondere Weise klar. Nicht im Sinne eines idealisierten Bildes von Stärke, sondern als Mensch, der den Dharma nicht nur gelehrt, übersetzt oder organisiert hatte, sondern ihn in einer existenziellen Situation lebte. Was wir bei ihr in diesen Monaten erleben durften, war ein Geschenk, das uns bleiben wird.

Kurz vor ihrem Tod heiratete sie ihren Partner, den sie wenige Monate vor der Diagnose kennengelernt hatte. Auch darin lag etwas tief Berührendes: mitten in Krankheit, Abschied und Unsicherheit noch einmal Ja zu sagen, zu Liebe, Nähe und Leben.

Dank

Für uns war Saskia weit mehr als eine ehrenamtliche Mitarbeiterin. Sie war über viele Jahre eine besonders enge Weggefährtin. Sie teilte die Grundidee der BuddhaStiftung, half mit, sie praktisch zu verwirklichen, und prägte ihr Profil auf stille, beständige und wirksame Weise mit.

Vieles von dem, was sie getan hat, bleibt. In den Büchern, die sie übersetzt hat. In den Menschen, die durch sie Zugang zu Praxis und Gespräch gefunden haben. In den Gruppen, die sie initiiert und begleitet hat. In BuddhiRefuge. In den Netzwerken, die sie mitgeknüpft hat. Und in unserer Erinnerung an einen Menschen, der seine Kraft, seine Erfahrung und seine Liebe in den Dienst anderer stellte.

Wir sind dankbar für Saskias Leben, ihre Arbeit und ihre Freundschaft.

Saskia, danke.

Jochen Weber und Regina Tröscher

Award Saskia 2