Samadhi

Samādhi bezeichnet im Buddhismus die kultivierte Geistes-Sammlung: stabile, ruhige und klare Ausrichtung des Bewusstseins, die Zerstreuung verringert und Einsicht unterstützt. In säkularer Perspektive ist Samādhi kein übernatürlicher Trancezustand, sondern trainierbare Aufmerksamkeits- und Emotionsregulation, die Wohlbefinden, Lernfähigkeit und ethische Responsivität fördert. Samādhi bildet zusammen mit Achtsamkeit und Weisheit die Grundlage für verlässliches, mitfühlendes Handeln in komplexen Lebenssituationen.

Übersetzung und Herkunft

Pali: samādhi; Sanskrit: samādhi (beide bedeuten Sammlung/Konzentration).

Gängige Übersetzungen: Sammlung, Konzentration, meditative Vertiefung, Versenkung.

Etymologie: aus sam- (zusammen), ā- (hinzu) und dhā (setzen, legen) – wörtlich: zusammenführen, auf einen Punkt bringen.

Verwandte/nahe Begriffe: sammā-samādhi (rechte Sammlung, Teil des Achtfachen Pfades), jhāna (Vertiefung), ekaggatā (Einspitzigkeit), samatha (Beruhigung), sati (Achtsamkeit) als notwendige Begleiterin.

Beschreibung und Bedeutung

Samādhi ist im Dharma die Fähigkeit, Aufmerksamkeit stabil, ruhig und flexibel auszurichten, sodass der Geist weder gehetzt noch dumpf ist, sondern wach, gesammelt und lernfähig bleibt. Als Übung reduziert Samādhi Reiz-Reaktions-Automatismen, klärt Wahrnehmung und schafft die Bedingungen, unter denen Einsicht in Vergänglichkeit, Leidhaftigkeit und Nicht-Ich tragfähig wird. In diesem Sinn ist Samādhi kein Selbstzweck, sondern ein funktionales Mittel: Es stützt rechte Rede und rechtes Handeln, vertieft Mitgefühl, und macht ethische Entscheidungen nüchterner und zugleich wärmer. Phänomenologisch zeigen sich Qualitäten wie Wohlgefühl (sukha), Freude (pīti), Ruhe (passaddhi) und Einspitzigkeit (ekaggatā), die jedoch nicht festgehalten, sondern als Bedingungen für klare Einsicht genutzt werden.

Samādhi steht in Wechselwirkung mit Achtsamkeit (sati) und Energie/Einsatz (vīriya): Achtsamkeit erkennt, Einsatz richtet aus, Sammlung stabilisiert. Ethisch betrachtet schützt Samādhi vor impulsiver Härte und Bestätigungsfehlern, fördert Zuhören, Deeskalation und langfristiges Denken. Praktisch umfasst der Weg der Sammlung alltagsnahe Übungen (z. B. Atem, Körperempfindungen, Metta) bis hin zu Vertiefungen (jhānas), ohne diese zu mystifizieren. Entscheidend ist die Kontextsensibilität: Welche Form von Sammlung dient an diesem Ort und in dieser Zeit dem Abbau von Leid und dem Wachsen von Einsicht?

Säkularer Buddhismus

Samādhi wird als trainierbare Aufmerksamkeits- und Emotionskompetenz verstanden, überprüfbar in Erfahrung und durch Psychologie/Neurowissenschaften gestützt. Wichtig sind Stabilität ohne Verengung, Helligkeit ohne Aufgeregtheit und die Integration in Ethik und Alltag: Sammlung, die Feedback-fähig, beziehungsorientiert und handlungswirksam bleibt. Jhāna-Phänomene gelten als nützliche Marker, nicht als metaphysische Ziele; priorisiert wird Schadensminderung, Lernfähigkeit und die Kopplung von Sammlung mit Einsicht, Fürsorge und gesellschaftlicher Verantwortung.

Theravāda und Mahāyāna

Im Theravāda ist sammā-samādhi klassisch durch die vier jhānas definiert; Debatten betreffen die Rolle „trockener Einsicht“ versus stark entwickelter Vertiefungen, die Abfolge von samatha und vipassanā und die Bedeutung von Absicht (cetanā) in der Ethik. Im Mahāyāna rahmen Bodhisattva-Ideal, Mitgefühl (karuṇā) und geschickte Mittel (upāya) die Sammlung; Samādhi erscheint vielfältig (z. B. prajñāpāramitā-bezogene Samādhis, Zen-Zazen als stille Sammlung), im tibetischen Buddhismus (ting nge dzin) verbunden mit śamatha-vipaśyanā-Kombinationen und Visualisationspraxis.

Bezug zu westlichen Konzepten

Samādhi korrespondiert mit Forschung zu Aufmerksamkeitskontrolle, Mind-Wandering und Emotionsregulation, etwa in Modellen von exekutiver Funktion und Default-Mode-Netzwerk. Philosophisch erinnert es an stoische prosoche (Aufmerksamkeitswache), an Aristoteles’ Tugendethik als kultivierte Disposition und an Husserls phänomenologische Epoché als Schulung direkter Gegebenheit. In der Psychologie knüpfen Flow-Zustände (Csikszentmihalyi) und metakognitive Achtsamkeit an, wobei Samādhi bewusster und ethisch gerahmt bleibt. Pädagogik, Medizin und Justiz nutzen verwandte Kompetenzen in Deeskalation, Empathietraining und Fehlerkultur. So wird Sammlung zu einer sozialen, nicht nur individuellen Fähigkeit.

Praxis und Ethik

Im Alltag zeigt sich Samādhi in kleinen, wiederholbaren Entscheidungen: innehalten vor dem Senden einer Nachricht, präsent zuhören, eine Aufgabe ohne Multitasking abschließen, Emotionen regulieren, bevor gehandelt wird. Ethisch hilft Sammlung, verletzende Impulse zu erkennen, klare Grenzen freundlich zu setzen und Konflikte zu klären, statt sie zu verschärfen. Konkrete Übungen: Atem- oder Körperfokus, Metta zur Warmherzigkeit, Gehmeditation für dynamische Stabilität, kurze Pausen über den Tag verteilt, digitale Hygiene zur Reduktion von Zerstreuung.

Suttas die mit dem Begriff verbunden sind

  • MN 117 Mahācattārīsaka Sutta
    Definiert rechte Sammlung im Verbund mit den übrigen Pfadfaktoren; die vier jhānas erscheinen als Kern von sammā-samādhi und sind eingebettet in rechte Sicht und rechte Absicht.

  • MN 111 Anupada Sutta
    Zeigt, wie Sāriputta in Vertiefungen verweilt und gleichzeitig feinste Geistesfaktoren erkennt; Modell für das Zusammenspiel von Sammlung und Einsicht.

  • SN 48.10 Samādhi Sutta
    Erläutert das Konzentrations-Fakultät (samādhi-indriya) im Kontext der fünf spirituellen Fähigkeiten und seine Rolle auf dem Weg zur Befreiung.

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