Meditieren mit dem unruhigen Geist  

Unruhe im Geist kennt jede*r, der meditiert. Gedanken, Bilder und Eindrücke gehören zur Praxis. Statt sie zu bekämpfen, hilft es, sie neugierig zu betrachten und das Ziel der Meditation weniger auf vollkommene Stille, sondern eher auf einen fürsorglichen, achtsamen Umgang mit dem eigenen Erleben zu setzen 

Denken und Gedanken – ein kleiner, aber feiner Unterschied 

Hast du dich schon einmal gefragt, ob du dein Denken steuern kannst? Lässt sich wirklich beeinflussen, welche Erinnerungen, inneren Bilder oder Kommentare im Geist auftauchen? Die Meditation bietet einen besonderen Raum, um zu erkennen, wie wenig Kontrolle wir tatsächlich über unser geistiges Innenleben haben. Gedankenimpulse erscheinen häufig wie von selbst – ähnlich wie Pilze, die in feuchtem Herbstlaub plötzlich aus dem Boden wachsen. Welche Gedanken dabei entstehen, hängt stark vom „inneren Klima“ ab: Ist die Stimmung traurig, neigen die Gedanken dazu, ebenfalls traurig zu sein; herrscht Freude, tauchen häufiger heitere, leichte Gedanken auf. Gefühle wie Wut oder Unsicherheit färben den Strom unserer Gedanken ebenso. 

In diesem Licht betrachtet sind Gedanken eher ein Symptom, das uns Hinweise auf unsere aktuelle emotionale Verfassung und Grundhaltung gibt. Sie sind Teil unserer momentanen Stimmung – ebenso wie das Körpergefühl und spontane Impulse zu handeln oder zu sprechen. Meditation lehrt, diese Phänomene einfach aufmerksam zu registrieren, denn das aktive „Nicht-Denken“ gestaltet sich meistens schwierig – sowohl im Alltag als auch auf dem Meditationskissen. 

Während die spontan auftauchenden Gedanken dem bewussten Einfluss kaum zugänglich sind, gibt es noch das „Denken über“ – den Prozess, in dem wir uns ganz bewusst mit Gedanken beschäftigen. Sobald wir einem Gedanken mehr Aufmerksamkeit schenken, ihn aufnehmen und innerlich weiterdenken, tritt ein Dialog in Gang: Wir argumentieren mit uns selbst, spinnen innere Geschichten weiter, befeuern und verstärken damit unsere Denkinhalte. 

Genau an dieser Schnittstelle kann die Meditation Handlungsspielraum eröffnen: Je geübter wir werden, desto besser lernen wir, einen Schritt zurückzutreten und dem „Denken über“ nicht immer zu folgen, sondern den Gedankenstrom zu beobachten und gelegentlich umzulenken. 

Das innere Radio: Flüchtige Gedankenwellen 

Ein Großteil der Gedanken gleicht einem leisen Hintergrundrauschen, einem „inneren Radio“, das nahezu ununterbrochen sendet. Dort laufen Kommentare, Bewertungen, Pläne, Fantasien, Erinnerungsfetzen oder Lieder. Manche dieser Denkinhalte sind hilfreich; sie helfen dabei, sich im Alltag zu orientieren oder durch den Tag zu navigieren. Andere begleiten uns als innerer Helfer, der durch Routinen und Bewertungen Richtung weist. Oft verarbeitet unser Geist auf diese Weise auch vergangene Erlebnisse oder fällt in einen nährenden Zustand des Träumens und Fantasierens.  

Unser Geist nutzt diese Gewohnheiten nicht nur in der Meditation, sondern jederzeit – ein Automatismus, der sich nicht einfach per Willenskraft abschalten lässt. Nicht jeder Gedanke ist problematisch und es ist wichtig sich mit der Qualität der eigenen Gedanken zu befassen und nachzuspüren, welchen Eindruck ein Gedanke hinterlässt. 

In der Meditation kann es hilfreich sein, sich bewusst Zeit zu lassen, damit dieses Echo der vergangenen Erlebnisse verklingen kann – das braucht Geduld! Wir helfen diesem “Ausschwingen”; in dem wir auf das “Nachdenken über” verzichten und ab und an versuchen, statt den gewohnten Hilfestellungen wie Beschreibens, Zuordnen und Kommentieren, vermehrt in ein körperliches Spüren und Erfahren zu kommen, das ohne Worte auskommt. 

Gedanken als Reaktion auf Emotion  

Manche Gedanken sind anders: Sie drängen sich immer wieder auf, sind intensiv, wiederholen sich und mit teilweise starken Gefühlen verbunden, wie Ärger, Schuld oder Unsicherheit. Solche Gedanken sind sowohl Symptom als auch Verstärker emotionaler Prozesse, sie sind die Lautsprecher für ungelöste Fragen oder schwelende innere Themen. 

Vergleichbar mit einem überlaufenden Fass finden Gefühle, die wir nicht in einem nicht-reaktiven Raum achtsam begleiten können, als Gedanken und innere Bilder Ausdruck.  

Solche Gedanken sind wertvolle Wegweiser: Statt sie wegzuschieben, lohnt es sich, hinzuhören und zu schauen, worum Herz und Geist gerade kreisen. Die zentrale Meditationsfrage lautet dann: Was braucht es, damit innere Ruhe entstehen kann? Zum Beispiel Freundlichkeit, Wertschätzung, Fürsorglichkeit oder Geräumigkeit, die sogenannten Herzensqualitäten („Brahmaviharas“) können dabei helfen, mit den Quellen für diese unerschöpflichen Gedanken zu arbeiten. 

Gedanken als Zeichen für Anhaftung und Festhalten 

Es gibt auch Gedanken, die wie Magnete wirken und auf Dinge deuten, die den Herzgeist besonders beschäftigen. Im Buddhismus spricht man von Anhaftung und Festhalten: Sind wir an ein Thema stark gebunden, kreisen die Gedanken um etwas, das faszinierend, verlockend oder bedrohlich wirkt.  

Häufig geht es um  

  • Erlebnisse und Erfahrungen, die wir gerne machen würden – oder die wir vermeiden möchten  
  • Unser Selbstbild – wer wir sind oder waren, wie wir sind, wie wir (nicht) sein sollten oder was wir in Zukunft werden sollen / wollen  
  • Oder um Enttäuschungen, schmerzliche Erfahrungen und Veränderungen, die wir gerne kontrollieren würden, die sich uns aber entziehen – so dass darüber nachdenken, wie eine letzte Option erscheint, doch etwas “zu tun”.  

Solche Gedankenschleifen sind oft mit körperlicher Unruhe und Rastlosigkeit verbunden. 

Hilfreich ist hier, die Magnetwirkung dieser Gedanken zunächst zu erkennen. Der Geist ist ein Meister darin, solche Gedanken für besonders wichtig oder unverzichtbar zu erklären. Sanfte, interessierte Aufmerksamkeit kann dann aufzeigen, wie eng und mühevoll dieses Festhalten sein kann, wie es uns Ruhe und alternative Handlungsoptionen nimmt. Neue Möglichkeiten – einfach den Moment zu genießen, da sein zu dürfen und weniger zu tun – eröffnen sich, wenn wir die „Kosten“ erkennen und Alternativen zulassen. So kann sich das Festhalten nach und nach lösen. 

Mini-Übung: „Das Radio in meinem Kopf“ 

  1. Setze dich bequem hin, schließe nach Wunsch die Augen. 
  1. Finde dich in deinem Körper ein – nimm wahr, wie du sitzt, liegst oder stehst  
  1. Nimm auch wahr, wie Gedanken aufkommen – begrüße sie, als selbstverständlichen Teil dieser Erfahrung. Sie stören uns nicht, ganz im Gegenteil – denn wir machen sie zum Untersuchungsgegenstand dieser Übung.  
  1. Nimm wahr, was die Gedanken erzählen. Du kannst zum Beispiel für dich in Stille benennen “Gedanken über…”  
  1. Nimm auch wahr, welche Qualität diese Gedanken haben: sind sie langsam oder schnell. Sind sie klar oder verworren, sind sie drängend oder beliebig? Gibt es Pausen zwischen den Gedanken oder ist es mehr ein fortwährendes Plätschern? Wie würdest du deine Gedanken beschreiben?  
  1. Nimm wahr, ob sich mit der Zeit die Qualität der Gedanken verändert  
  1. Dann beende diese Übung und notiere, was du über dein Denken herausgefunden hast.

Fragen zum Nachdenken

  1. Welches Verhältnis hast du zu deinen Gedanken im Alltag – inwiefern bist du dir des Denkens im Alltag bewusst? Wie ist es in der Meditation?  
  1. Welche Gedanken könnten dir wichtige Hinweise auf zugrundeliegende Stimmungen, Emotionen und Bedürfnisse liefern? Gibt es Gedanken, die typisch sind für ein bestimmtes Gefühl?  
  1. Kennst du Gedanken, die um ein Thema kreisen und es einfach nicht loslassen wollen? Was bezwecken diese Gedanken? Was sind die möglichen “Nebenwirkungen” dieser Gedanken? 
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