Wut, Ärger, Frustration

Wut als Wegweiser 

Warum Wut wichtige Hinweise enthält 

Wut wird oft als „schlechtes“ Gefühl angesehen. Doch was, wenn Wut uns eigentlich etwas Wichtiges zeigen möchte? Wut ist ein natürlicher Hinweisgeber auf nicht erfüllte Bedürfnisse und persönliche Grenzen, die überschritten wurden. Wenn wir lernen, die Wut zu lesen, sie von Aggression abzugrenzen und mit Bedacht zu handeln, entsteht eine wertvolle Quelle für Klarheit und Selbstfürsorge.  

Was bedeutet Wut? Unterschied zwischen Wut und Aggression 

Wut ist ein menschliches Gefühl, das dann entsteht, wenn wir eines unserer Bedürfnisse, einen Wert, der für uns Bedeutung hat oder auch eine persönliche Grenze als überschritten empfinden. Empfinden – denn ob es tatsächlich so ist, dass der andere die Intention hegte, ob wir tatsächlich einen Mangel haben, das alles sind sehr persönliche Deutungen einer Situation. 

Wut hat damit nicht unbedingt recht und sie sagt auch nicht immer die Wahrheit über eine Situation oder ein Geschehnis – und doch ist sie ein wichtiger Hinweisgeber (“Pass auf, ich fühl mich damit nicht wohl!”). Die Wut fordert uns auf, manchmal mit viel Nachdruck, zu prüfen, ob wir für unsere Bedürfnisse, Werte und Grenzen einstehen sollten.  

Aggression dagegen zeigt sich in der Art und Weise, wie wir auf den Hinweis der Wut reagieren. Aggression schafft Druck und versucht mit Hilfe dieses Drucks Bedürfnisse, Werte und Grenzen zu sichern. Ein Druck, der sich vielfältig zeigen kann, zum einen in körperlicher oder sprachlicher Gewalt aber auch als emotionaler Druck, indem man Schuld zu weißt, beschämt oder kritisiert. Aggression ist eine Verhaltensweise die destruktiv oder verletzend wirkt. 

Der Buddha lehrt, dass Gewalt und Aggression zu weiterem Leid führen, während Achtsamkeit und Mitgefühl Wege sind mit herausfordernden Situationen umzugehen.  

Gewalt und Druck sind Mittel, die für den Buddha kein Zweck rechtfertigt. Die Wut hingegen kann man als eine feurige, kraftvolle und handlungsorientierte Form des Mitgefühls verstehen – entweder für uns selbst oder auch stellvertretend für andere.  

Aikido mit der Wut praktizieren  

Marshall Rosenberg, Begründer der Gewaltfreien Kommunikation (GfK), macht deutlich: Wut entsteht, wenn wir Strategien zur Bedürfnisbefriedigung blockiert sehen. Bedürfnisse sind universelle Werte wie Respekt, Sicherheit, Zugehörigkeit und Autonomie. Strategien sind die konkreten Wege, wie wir diese Bedürfnisse erfüllen wollen. 

Die Achtsamkeit hilft uns zwischen einer Strategie und einem Bedürfnis zu unterscheiden und entsprechend auf sie zu reagieren: 

  • Eine Strategie mag nicht immer angemessen sein. Aggression ist eine Strategie, die wir laut dem Buddha nicht nutzen sollten, um uns selbst und anderen Leid zu ersparen. Andere Strategien funktionieren mitunter nicht, finden kein Gehör oder entsprechen alten Mustern aus der Vergangenheit, die wir wiederholen, weil wir (noch) keine Alternativen zur Hand haben. 
  • Ein Bedürfnis ist eine menschliche Reaktion auf einen Mangel, das zum Ausdruck bringt, was wir uns wünschen, was wir brauchen und was uns unterstützen würde.  

Es geht also nicht darum die Wut zu unterdrücken, sondern ihre Energie in die richtigen Bahnen zu lenken, sprich eine angemessene Strategie zu finden.  

Wut und Mitgefühl  

Damit das passieren kann, ist es oft notwendig der Wut das Mitgefühl an die Seite zu stellen. Denn wo wir aus unserer Sicht ein Bedürfnis nicht beachtet wird, eine Grenze überschritten oder ein Wert keinen Respekt findet, da entsteht Reibung und oft genug auch emotionaler Schmerz. Wir erleben Frustration und manchmal auch Hilflosigkeit, wenn wir keine Möglichkeit (Strategie) kennen, mit dieser Herausforderung umzugehen. 

Weil es oft einfacher ist die Wut zu spüren, die immerhin kraftvoll, handlungsbereit und nach außen gerichtet ist, kommen wir mit dem Schmerz, der Enttäuschung und dem Empfinden einer Verletzung gar nicht recht in Kontakt. Dabei kann es wichtig sein gerade diese Anteile wahrzunehmen und ihnen mit Achtsamkeit und Mitgefühl zu begegnen, damit überhaupt eine bedachte Handlung folgen kann.  

Wut und achtsame Kommunikation  

Achtsamkeitsbasierte Kommunikation entfaltet ihre Kraft, wenn wir Wut nicht ausblenden, sondern wahrnehmen und achtsam begleiten. 

  1. Verkörperung der Gefühle: Wut zeigt sich oft körperlich (Herzrasen, Druck im Bauch) und in einem inneren Drang und Druck etwas zu tun oder zu handeln. Die Wut will regelrecht “raus” und sich in der Welt manifestieren. Die bewusste Wahrnehmung dieser Signale hilft mit frühzeitig wahrzunehmen, dass Wut da ist – das erste “Autsch” einer Situation wahrzunehmen, so dass ich mich fortan gut selbst begleiten kann.  
  1. Klarheit über Bedürfnisse: Achtsamkeit hilft auch dabei die eigenen Bedürfnisse, Werte und Grenzen wahrzunehmen. Ich kann erkennen, was mir gerade wichtig ist, welches Bedürfnis nicht berücksichtigt wurde und was mir Sorge, Angst oder körperliches Unwohlsein bereitet. Die Achtsamkeit kann diese als “persönliche Information” wahrnehmen – als Teil meiner subjektiven Erlebenswelt, wohlwissend, dass andere die gleiche Situation anders wahrnehmen und erleben 
  1. Mitgefühl praktizieren: Bevor man konkrete Handlungsschritte tun kann, ist es oft wichtig, den Schmerz, die Enttäuschung und die Herausforderung, die eine solche Situation mit sich bringt anzuerkennen. Sich selbst zuzugestehen “Uff, das ist gerade nicht einfach für mich” oder auch “Das hat gerade ganz schön weh getan” hilft, die eigene Herausforderung anzuerkennen, selbst dann, wenn unser Gegenüber das im Moment vielleicht nicht zu tun vermag.  
  1. Bedürfnisse und Strategien formulieren: Wer das grundlegende Bedürfnis bzw. Den Wert kennt, der in einer herausfordernden Situation verhandelt wird und wer in der Lage ist sich ein grundlegendes Mitgefühl entgegenzubringen, der hat oft genug Klarheit und Raum um die Wut, um eine angemessene Handlungsstrategien zu finden. Statt Anschuldigen auszusprechen, den anderen oder mich selbst unter Druck zu setzen oder die Wut “hinunterzuschlucken” bin ich dann in der Lage zu überlegen welche Handlungsmöglichkeiten es gibt, meine Bedürfnisse zu benennen und mit den Bedürfnissen des Gegenübers zu verhandeln. Was wir zurückerhalten, ist ein Handlungsspielraum, in dem wir gut für uns selbst und die Situation sorgen können. 

Wut und achtsame Kommunikation 

Und wenn ich gar nicht wütend werde? Es gibt Menschen unter uns, die nur sehr selten Wut empfinden. Das kann damit zusammenhängen, dass wir die Wut als etwas kennengelernt haben, das wir nicht spüren oder erfahren sollten. Oft genug wird die Wut mit der Aggression verwechselt und dadurch als etwas Bedrohliches und Leidvolles.  

Oft kommt es dann in Situationen, die uns eigentlich wütend machen würden, zu einem Gefühl der Traurigkeit und Hilflosigkeit, des emotionalen Rückzugs und der Bitterkeit.  

Wer für sich die Wut von der Aggression trennen kann und spürt, dass die Achtsamkeit erlaubt sowohl die Wut wahrzunehmen als auch ethisch zu handeln, der kann sich die Wut Stück für Stück zurückerobern – als wichtigen Hinweisgeber.  

Reflexionsfragen zum achtsamen Umgang mit Wut 

  1. Welche Situationen wecken in dir die Wut? Kannst du erkennen, für welche Bedürfnisse, Werte oder Grenzen die Wut einsteht?  
  1. Kannst du für dich den Unterschied zwischen der Wut und Aggression wahrnehmen? Welche Grenzen setzt du dir selbst im Umgang mit deiner Wut?  
  1. Auf welche Weise könnte das Mitgefühl dir helfen, wenn du das nächste Mal eine Situation erfährst, die dich wütend macht? Welche Unterstützung würde ein Freund oder eine Freundin dir schenken, die die Situation als stiller Beobachtender wahrnimmt?  

Quellen und weiterführende Literatur 

  • Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation 
  • Tania Singer et al.: Studien zu Mitgefühl und Emotionsregulation 
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