Gleichmut
Definition
Gleichmut (Pali: upekkhā; Sanskrit: upekṣā) ist ein trainierbarer, klarer Geisteszustand, der inmitten wechselnder Bedingungen gelassen, unparteiisch und fürsorglich bleibt, ohne in Passivität oder Kälte zu verfallen. Er gehört zu den Vier Unermesslichen (brahmavihāra), zu den sieben Erleuchtungsfaktoren (bojjhaṅga) und prägt reife Sammlung. Aus säkularer Sicht ist er eine Kompetenz der Aufmerksamkeits‑ und Affektregulation, genährt durch Einsicht, Achtsamkeit und ethische Intention, die Handlungsfähigkeit in komplexen Situationen stärkt.
Übersetzung und Wortherkunft
Pali: upekkhā; Sanskrit: upekṣā.
Übliche Übersetzungen: Gleichmut, Gelassenheit, Ausgeglichenheit, Unparteilichkeit.
Wortherkunft: u‑/upa‑ (nahe, heran) + √ikkh/īkṣ (schauen, betrachten) → achtsames, unparteiisches Betrachten.
Verwandte Begriffe: brahmavihāra (Vier Unermessliche), bojjhaṅga (Erleuchtungsfaktoren), jhāna (Vertiefungen).
„Naher Feind“: Gleichgültigkeit (Apathie). Gegenpole: Gier/Abneigung/Reaktivität; Gegenqualitäten: Fürsorge, Klarheit, Stabilität.
Beschreibung und Bedeutung
Gleichmut balanciert Fürsorge mit Klarheit: Er hält das Herz offen und den Blick weit, ohne von Gewinn/Verlust, Lob/Tadel, Ehre/Unehre, Freude/Schmerz (acht weltliche Winde) hin‑ und hergerissen zu werden. Als brahmavihāra ist er die Weite, in der Freundlichkeit (mettā), Mitgefühl (karuṇā) und Mitfreude (muditā) unvoreingenommen leuchten. Als Erleuchtungsfaktor ist er das reife Gleichgewicht, das Achtsamkeit, Energie und Sammlung fein abstimmt; in Vertiefungen erscheint er als ausgleichende, klare Ruhe. Zentral ist die Unterscheidung vom „nahen Feind“: Gleichgültigkeit vermeidet Kontakt; Gleichmut ist berührbar, aber nicht verstrickt.
Im Praxiszusammenhang wirkt Gleichmut als Bedingungskompetenz: Er entsteht, wenn Aufmerksamkeit stabilisiert, Körperempfindungen bewohnt und Bewertungen durch Einsicht relativiert werden. Beziehungen profitieren durch weniger Impulsreaktionen; Entscheidungen werden tragfähiger, weil Werte statt Launen führen. Im Rahmen der Vier Wahrheiten unterstützt Gleichmut das nüchterne Erkennen von Leid, Ursachen, realistischen Möglichkeiten zur Beendigung und geeigneten Schritten des Pfades. So verbindet er Ethik (heilsame Intention), Meditation (Stabilität) und Weisheit (Bedingtheit, Vergänglichkeit).
Säkularer Buddhismus
Gleichmut ist eine überprüfbare Fähigkeit der Selbst‑ und Mitweltregulation. Trainiert werden das Benennen von Impulsen, das Justieren von Erregung (Atem, Haltung, Pausen), das Prüfen von Annahmen sowie das bewusste Halten von Polaritäten in komplexen Situationen. Ziel ist nicht Unberührbarkeit, sondern verlässliche Fürsorge unter Unsicherheit. Bedingungen wie Schlaf, Ernährung, digitale Reize und soziale Felder werden gezielt so gestaltet, dass Klarheit, Freundlichkeit und Stabilität wahrscheinlicher werden.
Theravada und Mahayana
Im Theravāda erscheint upekkhā als brahmavihāra, als bojjhaṅga und als Merkmal reifer jhāna, mit praktischen Zugängen über Metta‑Karunā‑Mudita‑Sequenzen, Atem‑/Körpergewahrsein und Einsicht in Vergänglichkeit. Im Mahāyāna (inkl. tibetischer und zen‑buddhistischer Linien) steht upekṣā unter den Vier Unermesslichen und wird teils auch als pāramitā gerahmt; sie balanciert Mitgefühl mit Weisheit, um Überforderung zu vermeiden und Handlungskraft in weiten Wirkfeldern zu erhalten.
In westlichen Traditionen erinnert Gleichmut an stoische apatheia/euthymia (Unerschütterlichkeit bei klarer Werteführung) und an Spinozas gelassene Freude, die aus verstehender Übersicht erwächst. In Psychologie und Neurowissenschaft entspricht er einer Kombination aus kognitiver Umstrukturierung, Exposition gegenüber Unsicherheit, Emotionsregulation und metakognitiver Perspektivübernahme. Achtsamkeits‑ und Mitgefühlsprogramme fördern diese Kompetenzen: Aufmerksamkeit wird stabil, Bewertungen werden flexibler, Reaktionen werden verlangsamt, sodass kluge, ethische Handlungen unter Druck möglich bleiben.
Bezug zur Praxis und zu ethischem Leben
Im Alltag zeigt sich Gleichmut als Fähigkeit, Kontakt zu halten und trotzdem klar zu bleiben: bei Konflikten zuhören, ohne zu verhärten; bei Lob/Tadel stabil bleiben; in Entscheidungen Werte klären, statt Impulsen zu folgen. Hilfreich sind kurze Check‑Ins (Körper spüren, Atem verlängern), das Benennen von Tendenzen (Anhaften/Abstoßen), das bewusste Weiten der Perspektive und das Erinnern an gemeinsame Menschlichkeit. So entsteht eine Ethik, die Fürsorge mit Wirksamkeit verbindet.
Praktische Bausteine: tägliche Atem‑/Körperpraxis; Metta/Karuṇā/Muditā als Grundlage, dann Upekkhā‑Weitung; Arbeit mit den weltlichen Winden (Reflexion: Was triggert? Welche Werte leiten?); Reizhygiene (Medien, Pausen, Schlaf); mikroskopische Schritte in schwierigen Gesprächen (Tempo drosseln, zusammenfassen, offen fragen). Gleichmut ist kein Endpunkt, sondern eine dynamische Balance, die in Bewegung gepflegt wird.
Suttas zum Thema des Begriffs
- AN 8.6 Lokavipatti Sutta
Beschreibt die acht weltlichen Bedingungen und die Übung einer gelassenen, wertebasierten Haltung ihnen gegenüber. - MN 118 Ānāpānasati Sutta
Zeigt, wie Atemachtsamkeit systematisch die Erleuchtungsfaktoren, einschließlich Gleichmut, entfaltet. - DN 13 Tevijja Sutta
Verortet die Vier Unermesslichen, darunter Gleichmut, als Praxisfelder weiten, unparteiischen Wohlwollens.
