Sankhara
Definition
Saṅkhāra bezeichnet „Gestaltungen“ bzw. „Formationen“: die dynamischen Muster, die Erfahrungen, Handlungen und Identitätsgefühle hervorbringen und zugleich selbst bedingt entstehen und vergehen. In säkularer Sicht sind Saṅkhāras gelernte Neigungen, Bewertungen und Fabrikationen des Geistes, die Wahrnehmung strukturieren, Verhalten steuern und Stress verstärken oder mindern können. Übung zielt darauf, diese Muster im Entstehen zu erkennen, zu regulieren und heilsam umzugestalten.
Übersetzung und Wortherkunft
Pali: saṅkhāra.
Sanskrit: saṃskāra.
Gängige Übersetzungen: Formationen, Gestaltungen, Fabrikationen, Bestimmungen, Konditionierungen; in engem Sinn auch „Willensformationen“ (volitionale Gestaltungen).
Etymologie: sam- (zusammen) + √kar (machen) = „zusammen-machen, zusammen-fügen“; aktiv: das, was gestaltet; passiv: das, was gestaltet wurde.
Synonyme/nahe Begriffe: abhisaṅkhāra (stärkere Gestaltungen), cetanā (Absicht), upādāna (Anhaften), anusaya (latente Tendenzen), khandha der Formationen (saṅkhāra‑khandha).
Beschreibung und Bedeutung
Saṅkhāra ist zentral für den Dharma, weil es zeigt, dass Erleben nicht einfach „gegeben“ ist, sondern aktiv geformt wird: Aufmerksamkeit, Bewertung, Gedächtnis und Absicht „fabrizieren“ Augenblick für Augenblick die Welt, in der gehandelt wird. Diese Gestaltungen sind bedingt und veränderbar: Werden sie unbewusst, führen sie leicht zu Verengung, Stress und unheilsamen Gewohnheiten; werden sie erkannt, können sie reguliert, neu gerahmt und in Fürsorge, Klarheit und Kooperation verwandelt werden. So verbindet saṅkhāra Wahrnehmung, Ethik und Lernen und macht die Praxis konkret überprüfbar.
Im Fünf‑Aggregate‑Modell bezeichnet saṅkhāra den Formations‑Aggregat (saṅkhāra‑khandha), also die Vielzahl mentaler Tendenzen und Entscheidungen, die Handlung ermöglichen. Im Bedingten Entstehen (paṭicca‑samuppāda) erscheinen Saṅkhāras als zweiter Gliedfaktor: aus Unwissen (avijjā) entstehen willensgetragene Gestaltungen, die Bewusstsein und weitere Glieder prägen. Praktisch heißt das: Wenn Gefühle (vedanā) unbemerkt zu Durst (taṇhā) und Anhaften (upādāna) führen, verdichten sich Formationen; werden sie rechtzeitig erkannt, entstehen Alternativen. Daraus entsteht eine säkulare Ethik der Schadensminderung: Muster beobachten, Bedingungen justieren, Verhalten iterativ verbessern.
Säkularer Buddhismus
Saṅkhāra wird als empirisch prüfbare „Fabrikation“ verstanden: lernbasierte Muster, Biases und Belohnungsschleifen, die durch Achtsamkeit, Sammlung, Einsicht und Kontextdesign beeinflusst werden. Wichtig sind Metakognition, Emotionsregulation, Trauma‑Sensibilität und kollektive Perspektiven; Ziel ist Leidreduktion in Beziehungen, Organisationen und Gesellschaft. Jhāna oder metaphysische Modelle werden nicht benötigt, um Wirksamkeit zu prüfen; entscheidend sind Feedback, Reparaturfähigkeit und faire Strukturen.
Theravāda und Mahāyāna
Im Theravāda wird saṅkhāra präzise differenziert: als Aggregat mentaler Formationen und als karmisch wirksame Willensakte (kāya‑, vacī‑, citta‑saṅkhāra) im Bedingten Entstehen; Übung schwächt unheilsame Tendenzen durch Satipaṭṭhāna, Ethik und Einsicht. Im Mahāyāna erscheint saṃskāra im Feld der „drei Gifte“ (Gier, Hass, Verblendung) und wird durch Mitgefühl (karuṇā) und geschickte Mittel (upāya) transformiert; im Zen wird das „Nicht‑Fabrizieren“ betont, im tibetischen Buddhismus (tibetischer Buddhismus) die analytische Durchsicht und Umwandlung von Tendenzen in Bodhisattva‑Praxis.
Bezug zu westlichen Konzepten
Saṅkhāra korrespondiert mit Metakognition, implizitem Lernen und Emotionskonditionierung; Verhaltenstheorie und affektive Neurowissenschaften beschreiben, wie Reiz‑Bewertung‑Reaktion durch Gewohnheiten geformt wird. Tugendethik (Aristoteles) versteht Charakter als erlernte Dispositionen; Stoiker betonen prosoche (aufmerksame Wachheit) zur Steuerung mentaler Urteile. In der Kognitionswissenschaft passen predictive processing und Bias‑Forschung als Modelle geistiger „Fabrikation“. Pragmatismus (Dewey) rahmt Veränderung als Experimentieren mit Bedingungen; in Organisationspsychologie und Public Health zeigen Gewohnheitsdesign und soziale Normen, wie individuelle und kollektive Formationen entstehen und verändert werden können.
Bezug zur Alltagspraxis und ethischem Leben
Alltagsrelevant wird saṅkhāra, wenn kleine Reiz‑Reaktions‑Schleifen gesehen und neu gestaltet werden: Trigger benennen, Pause schaffen, Intention klären, eine mildere Option wählen, Wirkung prüfen. In Teams heißt das: Prozesse transparent machen, Feedback einholen, Sprache deeskalieren, Reparaturkultur pflegen. Im Konsum: Bedingungen verändern, die unheilsame Muster nähren (z. B. Defaults, Apps, Vorräte). Ethisch bedeutet das weniger Schuldzuweisung, mehr Prozesskompetenz: Muster sind gemacht – also auch umgestaltbar.
Suttas zum Thema
- SN 12.2 Paṭicca‑samuppāda
Erklärt saṅkhāra als willensgetragene Gestaltungen (körperlich, sprachlich, mental) im Bedingten Entstehen und ihre Rolle für das Aufkommen weiterer Glieder. - MN 44 Cūḷavedalla Sutta
Differenziert Formationen innerhalb der Aggregate und klärt Fragen zu Geistfaktoren, wodurch saṅkhāra als vielseitige Kategorie verstehbar wird. - Dhp 277–279
Betont die Vergänglichkeit aller saṅkhārā und leitet daraus die Dringlichkeit ab, sorgfältig zu üben und Anhaften zu lösen.
