Müdigkeit

Ist Müdigkeit ein Problem?

Viele Praktizierende kommen früher oder später mit den fünf Hindernissen (nivarana) in Kontakt, die da heißen: Verlangen, Abwehr, Trägheit, Unruhe und Zweifel.

Thīna‑middha ist dabei der Pali-Begriff für das, was wir oft als Trägheit kennenlernen und oft genug mit unseren Empfindungen von Müdigkeit und Erschöpfung in Verbindung bringen.

Für mich stellt sich die Frage, inwiefern Müdigkeit ein Hindernis ist, das wir überwinden sollten – und inwiefern sie ein völlig berechtigtes, körperliches Bedürfnis nach Ruhe, Erholung, Muse und Nicht-Produktivität darstellt.

Denn was passiert, wenn wir Müdigkeit und Erschöpfung zum Problem erklären? Nährt diese Sichtweise auf Praxis nicht eine uns im Westen wohlvertraute Haltung der ewigen Produktivität und Leistung, die wir auf unsere Praxis übertragen mit der Idee der ständigen Präsenz und Wachheit?

Trägheit ist nicht Müdigkeit

Für mich zeigt sich das Hindernis der Trägheit und Lustlosigkeit auf andere Weise. Zum einen beschreibt es als “tinha” einen Geist, der unbeweglich und steif geworden ist. Er ist gefangen in der Idee von „so ist es“, “so macht man es” und „so muss es sein“.

Und in seinem Aspekt als “middha” beschreibt er eine geistige Haltung der Lustlosigkeit. Es fehlt uns der Antrieb, die Inspiration, der Grund etwas zu tun. Vielleicht glauben wir nicht recht daran, dass das, was wir tun etwas bringt – wir geben innerlich auf, nehmen die Aufgabe nicht ernst, sitzen die Zeit ab.

Kann Müdigkeit diesen Zustand begünstigen? Sicherlich!

Aber während Ruhe, Entschleunigung und Schlaf die Müdigkeit und Erschöpfung kurieren, reagieren Trägheit und Lustlosigkeit nicht auf solcherlei Interventionen, denn dann ist es nicht der Körper, der Pause braucht. Es ist der Geist, sich in seinen gut eingespielten Mustern festgefahren hat und keinen guten Grund sieht, sich auf neue Gleise zu setzen.

Mich schmerzt die Vorstellung, dass wir auch unsere buddhistische Praxis zu einem Funktionieren und Geschäftig-Sein umformulieren, das uns beständig auffordert einem Maximum an Anstrengung und scharfer Aufmerksamkeit an den Tag zu legen. Eine solche Haltung wird schnell selbst zur Quelle von Erschöpfung.

Stattdessen geht es für mich darum, zu lernen, wie wir angemessen achtsam und präsent sind.

Situative Achtsamkeit

In MN 19 beschreibt der Buddha das Bild eines Kuhhirten:

In der Zeit, in der die Felder erntereif sind sind, muss er seine Kühe sehr wachsam begleiten, damit sie keinen Schaden anrichten. Doch wenn die Ernte vorüber ist und die Felder leer stehen, dann genügt es, dass er da ist – er lehnt sich an einen Baum, döst und zählt ab und an seine Tiere.

Die Qualität der Präsenz in diesem Gleichnis ist für mich nicht fix – vielmehr ist sie in der Lage auf die Situation einzugehen, die sich gerade entfaltet und dann zu entscheiden, wie viel Intensität und Präsenz gerade angemessen ist.

Die Frage ist nicht: „Bin ich aufmerksam genug?“, sondern: „Was braucht diese Situation gerade an Energie, Wachheit und Präsenz?“

Es gibt Momente, die große Klarheit und Wachsamkeit verlangen: Konfliktsituationen, starke emotionale Dynamiken oder Handlungsimpulse, vertraute, unheilsame Muster, etc. Hier ist es heilsam, wach, klar und entschieden zu sein. 

Und es gibt Momente, in denen eine Erkundung der inneren und äußeren Dynamiken und Erfahrungen ergibt, dass es ausreichend ist mit einem weiträumigen Gewahrsein präsent zu sein, ohne im Detail alles erfahren, wissen und erkunden zu müssen.

Teil der Praxis ist herauszufinden, wann was angemessen ist und wie wir die Achtsamkeit so gestalten, dass sie dem Moment dient.

Weitere Beiträge

BuddhaStiftung

Gemeinnützige, unabhängige Stiftung für pragmatischen Buddhismus

Wir sind eine offene Gruppe von Menschen, die über Buddhismus informiert, weiterbildet und Austausch fördert.

Kontakt

BS Contact Form ohne Text

Newsletter

BS Newsletter Form ohne Text

© 2026 BuddhaStiftung. All rights reserved.