Achtsamkeit beim Lesen, Lernen und Zuhören – online und präsent

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Von Buddhastiftung

Tägliche Achtsamkeit beim Lesen und Zuhören

Lernen heißt heutzutage online aktiv zu sein, zum Beispiel wenn wir einen Onlinekurs belegen oder in einer Online-Diskussionsgruppe oder einem Literaturkreis sind. Wir lesen Texte, hören Dozenten im Video oder live online zu und diskutieren online. Manchmal machen wir uns Notizen, markieren wichtiges in Texten und schreiben vielleicht eine Hausarbeit.
Wir tun dies nicht nur, um stupide Fakten und Informationen in unser Gehirn zupacken. All das tun wir, weil wir Neues lernen möchten, Dinge verstehen möchten oder uns mit anderen über unsere Erfahrungen austauschen möchten.

Die übliche Art zu lesen und zuzuhören ist, sich auf den Inhalt der Texte zu konzentrieren bzw. auf den Inhalt dessen, was die Gesprächspartnerin sagt. Bei all diesen Aktivitäten können wir auch Achtsamkeit praktizieren.
Wenn wir achtsam lesen, schreiben oder zuhören, sind wir nicht nur auf die Inhalte fixiert, sondern eröffnen uns und anderen einen Raum, um mit Offenheit und Neugier etwas über uns selbst und andere zu lernen. Wenn wir achtsam lesen, schreiben und zuhören, machen wir aus einer reinen Lerntätigkeit eine Achtsamkeits- bzw. Vipassana-Praxis.

Im Folgenden findest Du Anleitungen, Übungen und Tipps, wie Du Achtsamkeit beim Lesen, Lernen und Zuhören praktizieren kannst. Dies betrifft natürlich insbesondere Texte, die für Dich und Dein Leben bedeutsam sind.

 

Achtsames lesen

Lesen ist heute oft eine Zeitfrage, eine Frage der Geschwindigkeit. In Onlinetexten wird angegeben wie viele Minuten benötigt werden, um den Text zu lesen. Um möglichst effizient zu sein kann man noch Schnelllese-Kurse belegen. Möglichst viel Informationen in der kürzesten Zeit erfassen, ist das Ziel.
Achtsames Lesen ist entschleunigtes Lesen. Langsameres Lesen verändert die Leseerfahrung. Achtsamkeit bringt das Gewahrsein zum Text und die begleitende Offenheit eröffnet die Möglichkeit, in einem ruhigen Bewusstsein wahrzunehmen, auf welche Art und Weise sich der Sinn der gelesenen Worte entfaltet. Achtsames Lesen ermöglicht die Wahrnehmung auftauchender Gedanken, Meinungen und Vorurteile, die das Lesen begleiten.
Auf diese Weise können wir wahrnehmen und lernen, wie unsere mentalen Prozesse das entstehen lassen, was wir als Verstehen oder Verständnis bezeichnen.

Atmen-Lesen-Atmen

Nimm Dir einige Minuten Zeit, bevor Du mit dem Lesen beginnst. Fördere Ruhe und Konzentration durch eine kurze Atemmeditation mit Aufmerksamkeit auf den Atem. Wenn Du mit dem Lesen begonnen hast, achte darauf, wie Deine Konzentration und Wertschätzung dem Text oder dem Autor gegenüber sind, im Vergleich zum „normalen Lesemodus”.
Wenn Du mit dem Lesen fertig bist, bleibe sitzen und fokussierte Dich für einige Minuten auf den Atem und frage Dich, was Du gelernt hast, was Dir aufgefallen ist, was unter Umständen unerwartet an Gefühlen oder Gedanken aufgetaucht ist.

Achtsames Verstehen

Wir können nur den Sinn in einem Text oder einem Gespräch finden, den wir suchen. Das sagte sinngemäß der Philosoph Gadamer (1), der sich damit beschäftigte, wie Menschen Texte, Gesprächspartner oder das gesamte Leben verstehen. Wir bringen all das mit beim Verstehen eines Textes, was unser Leben ausmacht, unsere Wünsche, Ängste, Erfahrungen, Kultur oder Weltbild.
Bevor Du mit dem Lesen eines Textes beginnst, kannst Du kurz innehalten (oder eine kurze Atemmeditation vorausgehen lassen) und Dir klarmachen, welche Frage Du an den Text hast oder welche Art die Frage ist, die der Text beantworten soll.
Wenn Du den Text achtsam gelesen hast, kannst Du Dich nach einem kurzen Innehalten fragen, wie Du den Text verstanden hast und ob sich Dein Verständnis des Textes verändert hat, während Du gelesen hast.

Achtsamkeit für einen wichtigen Satz

Vielleicht sticht für Dich beim Lesen eines Textes oder eines Gedichtes ein bestimmter Satz heraus, sei es, weil er Dir inhaltlich wichtig ist oder weil Dich die Sprache oder Bildhaftigkeit anspricht. Dies sind häufig die Sätze, die wir unterstreichen oder mit dem Textmarker markieren.
Lies den Satz erneut, vielleicht mehrere Male, bis er für Dich präsent ist.
Schließe die Augen und bleibe bei diesem Satz. Du kannst Dir dazu Fragen stellen:
Was ruft der Satz hervor?
Welche Erinnerungen, Gefühle, Bilder oder Ideen sind damit verknüpft.
Hat der Satz oder einige Worte davon eine Bedeutung für Dich, die über das hinausgeht, was wörtlich dasteht?
Lies den Satz erneut im Zusammenhang mit dem Text. Hat sich dadurch die Bedeutung des Textes verändert?
Nimm diesen Satz mit in den Tag und rufe ihn Dir immer wieder ins Gedächtnis. Was passiert?

Gemeinsam lesen, gemeinsam verstehen

In einem Onlinekurs, einem Literaturkreis oder auch einer Meditationsgruppe kann diese Übung durchgeführt werden. Alle Beteiligten haben den Text zur Verfügung.
Nach einer kurzen Atemmeditation in Stille liest eine Person den ausgewählten Text vor, alle anderen hören zu. Danach sitzen alle kurz gemeinsam in Stille.
Jetzt wird der Text erneut gelesen, wobei jeder Satz von einer anderen Person gelesen wird. Dies kann in einer bestimmten Reihenfolge erfolgen oder spontan. Nach jedem Satz folgt eine kurze Phase in Stille, zum Beispiel fünf Atemzüge.
Stell Dir die Frage, ob und eventuell wie der Text von Dir unterschiedlich verstanden oder wahrgenommen wird oder andere Empfindungen hervorruft, wenn Du ihn von verschiedenen Menschen hörst statt nur von einem.

Sei kreativ und bringe Achtsamkeit zum Lesen auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Achtsames Lesen ist grundsätzlich weniger hektisch und verlangsamt den Lesefluss und damit auch Dich und die Art und Weise, wie Du Lesen als Prozess des Verstehens erfährst.

 

Achtsames Zuhören

Viele Aktivitäten in Präsenzveranstaltungen oder online gehen über die Ohren. Wir hören, was andere in Videos oder einem zum Meeting sagen, wir hören eine Vorlesung an der Uni, wir sprechen mit einer Freundin.
Wenn wir ohne Achtsamkeit in einem Gespräch zuhören, sind wir vorwiegend auf den Inhalt konzentriert und merken nicht, wie wir schon eine Antwort im Stillen vorformulieren, bevor unser Gegenüber zu Ende geredet hat.
Wenn wir mit Achtsamkeit in einem Dialog sind oder jemand zuhören, sind wir ganz bei dem, was wir hören. Wir versuchen nichts zu kontrollieren und nehmen wahr, wenn und wie wir beurteilen. Wir versuchen unser mentales Geplapper einfach da sein zu lassen und nicht darauf zu reagieren und hören dem anderen mit Respekt zu. Dadurch entwickeln wir nicht nur eine offene Haltung, solange wir zuhören, sondern praktizieren generell eine annehmende und offene Beziehung zum anderen.
Diese innere Einstellung des achtsamen Zuhörens können wir im Alltag an vielen Stellen praktizieren, bei Vorträgen, bei Gesprächen mit bekannten und unbekannten Menschen und im übertragenen Sinne auch auf das geschriebene Wort, wenn wir lesen.

Achtsames zuhören in Aktion

Achtsames Zuhören erfordert Konzentration und Offenheit zugleich. Konzentration auf das, was die andere Person sagt, wie sie es sagt, wie wir Ihre Körpersprache wahrnehmen. Offenheit gegenüber allem, was wir wahrnehmen, sei es der Inhalt des Gesprochenen oder die Bedeutung, die das gesprochene für uns hat. In erster Linie heißt achtsames Zuhören, ganz für einen anderen Menschen präsent zu sein, ihm unsere ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken.
Wenn wir das tun, atmen wir ganz natürlich und hören einfach zu, ohne eine bestimmte Absicht zu haben. Wenn Gedanken und Emotionen in Zusammenhang auftauchen, mit dem was gesagt wird, nehmen wir dies kurz wahr und kehren zu unserem Gesprächspartner zurück.

Wenn Dir Antworten schon vorab in den Sinn kommen, warte ab, bis der andere ausgesprochen hat und antworte erst dann. Nimm wahr, dass Du vielleicht keine Antwort hast und warte darauf, was auftaucht. Sei ehrlich und teile Deinem Gesprächspartner mit, wenn Du im Moment keine Antwort hast, oder teile ihm mit, was das Gesagte bei Dir ausgelöst hat.
Bleibe neugierig und nehme wahr, wenn die Idee auftaucht, dass Du das schon alles kennst oder weißt, von dem Du annimmst, dass Dir der andere das erzählen will.
Achtsames Zuhören heißt auch, dem Gesprächspartner mitzuteilen, wenn er aus seiner Sicht Dir nicht zuhört oder Dich nicht ausreden lässt. Achtsames Zuhören heißt nicht passiv alles geschehen zu lassen, sondern gleichberechtigt das Spiel des Dialogs zu spielen.

 

Fazit

Achtsames Zuhören und achtsames Lesen sind die Basis für ein besseres Verstehen dessen, was uns Worte und deren Verfasser oder Gesprächspartner vermitteln können. Sie schaffen auch einen Raum, in dem sich Menschen verstanden fühlen können und sind somit ein Akt der Freundlichkeit und Freundschaftlichkeit, von Metta.

(1) “Wer einen Text verstehen will, vollzieht immer ein Entwerfen. Er wirft sich einen Sinn des Ganzen voraus, sobald sich ein erster Sinn im Text zeigt. Ein solcher zeigt sich wiederum nur, weil man den Text schon mit gewissen Erwartungen auf einen bestimmten Sinn hin liest. Im Ausarbeiten eines solchen Vorentwurfs, der freilich beständig von dem her revidiert wird, was sich bei weiterem Eindringen in den Sinn ergibt, besteht das Verstehen dessen, was dasteht“
Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, gesammelte Werke, Tübingen 1990-1995, Bd. 1 Seite 271

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