Fünf Hindernisse
Definition
Die fünf Hindernisse (Pali: pañca nīvaraṇāni) sind wiederkehrende mentale Zustände, die Klarheit, Sammlung und Einsicht im Alltag wie in der Meditation behindern: sinnliches Begehren (kāmacchanda), Widerwillen/Aversion (byāpāda), Trägheit und Mattheit (thīna‑middha), Ruhelosigkeit und Sorge (uddhacca‑kukkucca) sowie skeptischer Zweifel (vicikicchā).
Übersetzung und Wortherkunft
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Pali: nīvaraṇa (Plural: nīvaraṇāni) [“Hemmung”, “Hindernis”, wörtlich: etwas, das verdeckt/abschirmt].
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Sanskrit: nīvaraṇa [gleichbedeutend].
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Häufige Übersetzungen: fünf Hemmungen, fünf Hemmnisse, fünf Hindernisse.
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Wörtliche Bedeutung: ni- (weg, ab-) + varaṇa (Bedeckung/Sperre) = “Abschirmung/Verhüllung” des Geistes.
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Synonyme/nahe Begriffe: geistige “Störenfriede”, Ablenkungen, Unheilsame Zustände (akusala) im Kontext der Übung.
Beschreibung und Bedeutung
Im buddhistischen Weg (dharma) gelten die fünf Hindernisse als systematische Verzerrungen der Aufmerksamkeit, die das Erkennen von Vergänglichkeit, Bedingtheit und Leidvermeidung trüben. Begehren zieht die Aufmerksamkeit nach außen, Aversion verengt und verhärtet, Trägheit dämpft Bewusstheit, Ruhelosigkeit zerstreut, und Zweifel unterminiert Motivation sowie Verlässlichkeit der Praxis; alle verhindern nachhaltige Sammlung (samādhi) und nüchterne Einsicht (vipassanā). Praktisch werden sie als zu erforschende Zustände behandelt: erscheinen–erkennen–benennen–ausgleichen–loslassen, statt sie zu verdrängen oder zu befeuern. So wird Achtsamkeit stabilisiert und die Bedingungen für Heilsames (z. B. Energie, Freude, Ruhe, Sammlung, Gleichmut) gestärkt, wodurch sich die Hindernisse natürlich abschwächen.
Säkularer Buddhismus
Hier stehen erfahrungsnahe, überprüfbare Prozesse und die Psychologie der Aufmerksamkeit im Vordergrund, nicht metaphysische Lesarten. Die Hindernisse werden als regulierbare Muster im Nervensystem verstanden, deren Intensität von Bedingungen wie Schlaf, Ernährung, Kontext und Beziehungsgestaltung abhängt; die Praxis fokussiert auf situative Regulation (z. B. Körperaktivierung bei Mattheit, Weitung bei Enge), ethische Orientierung und iterative Lernschleifen im Alltag.
Theravāda und Mahāyāna
In Theravāda-Quellen werden die nīvaraṇāni als Kernliste unheilsamer Zustände überliefert, die Sammlung und Einsicht verschleiern; klassische Gegenmittel sind kultivierte Achtsamkeit, sorgfältige Betrachtung der Nachteile, wohltätige Gegenqualitäten und weise Lebensführung. Mahāyāna-Traditionen behandeln dieselben Muster als Hindernisse für meditative Vertiefung (dhyāna) und mitfühlende Handlung, betonen aber zusätzlich die Kultivierung von Bodhicitta und Weisheit als umfassende “Gegengifte” zur Enthaftung an Begierde/Aversion und zur Befreiung vom Zweifel.
Verbindungen zu westlichen Konzepten
Psychologisch ähneln die fünf Hindernisse bekannten Aufmerksamkeits‑ und Emotionsmustern: Impulsivität und Reizsuche (Begehren), Reaktivität und Negativitätsbias (Aversion), Untererregung und Vigilanzabfall (Trägheit), Übererregung und Grübeln (Ruhelosigkeit/Sorge), metakognitiver Zweifel und Prokrastination (Zweifel). Entsprechungen finden sich in kognitiver Verhaltenstherapie (kognitive Umstrukturierung, Exposition, Aktivierung), Emotionsregulation, Achtsamkeitsbasierter Stressreduktion sowie in antiken ethischen Schulen (stoische apatheia als Freiheit von zerstörerischer Affektbindung).
Bezug zur Praxis und Ethik
Im Alltag hilft das Modell, frühzeitig Muster zu erkennen: zum Beispiel den Griff zum Handy (Begehren), das scharfe Antwort‑Mail (Aversion), der “Energiesnack” gegen Müdigkeit (Trägheit), das ständige Tab‑Hopping (Ruhelosigkeit) oder endloses Abwägen ohne Entscheidung (Zweifel). Praktisch nützlich sind situationsspezifische Gegenmittel: Sinnesreizreduktion oder Perspektivwechsel bei Begehren, Mitgefühl/Weitung bei Aversion, Aktivierung und frische Luft bei Trägheit, Erden des Körpers und Atemzählung bei Ruhelosigkeit, Rückbindung an Intention und nächste machbare Schritte bei Zweifel.
Suttas zum Thema des Begriffs
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MN 10 Satipaṭṭhāna Sutta
Beschreibt die Betrachtung der fünf Hindernisse im Rahmen der Achtsamkeit auf Geistesinhalte; sie werden erkannt, verstanden und überwunden durch systematische Bewusstheit. https://suttacentral.org/mn10 -
DN 22 Mahāsatipaṭṭhāna Sutta
Erweitert die Satipaṭṭhāna-Darstellung; die Hindernisse erscheinen als zentrale Objekte der Geistesklarheit und Sammlungspraxis. https://suttacentral.org/dn22 -
AN 5.51–60 (Nīvaraṇa‑Vagga)
Kurze Lehrreden zu Entstehen, Erkennen und Überwinden der Hindernisse mittels geeigneter Gegenmittel und weiser Aufmerksamkeit. https://suttacentral.org/an5.51 https://suttacentral.org/an5.60
