Erwachen, Aufwachen, Erleuchtung – Warum das Ziel der Praxis weniger mit strahlendem Licht und mehr mit innerer Klarheit und Haltung zu tun haben
Einleitung
Stell dir vor: Wir sitzen alle zusammen in einem Bus, einer Straßenbahn oder einem Zug. Gleiche Umgebung, gleiche Umstände – gleiche Erfahrung? Mitnichten. Wir können denselben Ort teilen und doch kann unser Erleben und unsere Reaktionen auf dieses ganz unterschiedlich ausfallen. Manchmal liegen Welten zwischen uns.
Manche dieser inneren Welten sind angenehm – ruhig, klar, freudvoll, zugewandt. Andere innere Welten sind leidvoll, voller Druck, Stress, Unruhe, Rastlosigkeit, Unzufriedenheit.
Eine Kernaussage des Buddhismus ist: auf die äußere Welt können wir nur bedingt Einfluss nehmen. Aber die inneren Landschaften – unsere Einstellung und Haltung zum Erleben, können wir sehr wohl verändern. Bis hin zu einem Punkt, an dem diese Umstände uns nicht mehr aus dem Gleichgewicht bringen, keine impulsiven Reaktionen in uns mehr anstoßen.
Was bedeuten „Erleuchtung“ und „Erwachen“ im Buddhismus?
Im frühen Buddhismus, vor allem im Pali-Kanon, taucht immer wieder der Begriff Bodhi auf – wörtlich: „Erwachen“ und ein Buddha ist eine*r, für den/die dieses Erwachen sich realisiert hat.
Oft hört man auch den Begriff „Erleuchtung“, der allerdings erst später entstanden ist, als die Pali Texte von Rhys Davis Anfang des 20. Jahrhunderts ins Englische übersetzt wurden. Erleuchtung ist also eine westliche Übersetzung und christlich geprägte Vorstellungen: ein plötzlicher Moment voller Licht, fast wie eine göttliche Eingebung.
Viele stellt der Begriff des Erwachens und des Aufwachens vor Rätsel. Im Wort selbst steckt etwas, dass wir selbst tagtäglich erleben: das Aufwachen aus einem Schlaf oder einem Traum. Vielleicht auch einer Trance, die uns in ihren Bann geschlagen hat. Innerhalb eines Traumes erscheint uns die Traumwelt sehr real. Wir glauben das, was wir sehen und erleben, halten es für echt. Nach dem Aufwachen verflüchtigen sich die Traumwelten und wir wundern uns mitunter darüber, dass wir das glauben konnten.
Auf ähnliche Weise ist auch das Erwachen in der buddhistischen Praxis eine lebensnahe Angelegenheit. Der Buddha beschreibt das Erwachen als eine tiefe Einsicht darüber, was Unruhe, Leid, Druck, Stress und Unzufriedenheit in unserem Leben schafft. Die tiefen psychologischen Wurzeln unserer inneren Unruhe. Er beschreibt das Erwachen auch als Abwesenheit von bestimmten Dynamiken in uns, wie:
- einem impulsiven Drang ständig mehr oder etwas anderes zu wollen
- einem impulsiven Abwehren, Manipulieren und Bekämpfen dessen, was wir nicht wollen
- Einer Unfähigkeit mit dem Erleben selbst in Kontakt zu kommen, empathisch präsent zu sein und Klarheit auf die sich entwickelnden Dynamiken zu schauen.
„Erleuchtung“ und „Erwachen“ weniger ein Endpunkt, sondern ein immer wiederkehrendes Aufwachen aus dem Autopilot.
Erwachen – ein ethisches Ziel
Die Tatsache, dass der Buddha selbst und seine AnhängerInnen zu großen Teilen als Mönche und Nonnen lebten, führt manchmal zu der Idee, dass man sich selbst von der Welt abwenden müsste, um die eigene Praxis zu vertiefen. Der Alltag und die Praxis werden als zwei sich entgegenstehende Lebensteile empfunden, die miteinander ringen.
Dabei geht es gar nicht darum, ein neues Leben zu beginnen, sondern unter den Umständen und Gegebenheiten hier und jetzt neue Schritte zu gehen. Nicht das Leben umkrempeln, sondern den eigenen Geist verstehen, die eigenen Handlungen zu reflektieren und zu beobachten, welches Echo sie in uns und der Welt um uns hinterlassen.
Erwachen ist mehr ein Weg als ein Ziel – patipadda nannt der Buddha diesen Weg: einen Schritt vorwärts. Und dann noch einen. „Erleuchtet sein“ ist kein Adelstitel. Es ist eine Haltung zum Erleben. Keine alternative Wirklichkeit, sondern die Fähigkeit mit dem Leben, wie es sich vor uns entfaltet einen anderen Umgang zu finden.
Und dazu gehört natürlich auch, dass wir handeln. Erwachen bedeutet nicht Passivität oder Schicksalsergebenheit. Der Buddha selbst gründete nach seinem Erwachen eine Gemeinschaft (Sangha), wanderte durch Nordindien, beriet die Herrschenden seiner Zeit und traf wichtige Entscheidungen.
Wie könnte Erwachen im Alltag aussehen?
Erwachen passiert in der Regel Schritt für Schritt. Wir kommen in Kontakt mit etwas, dass in unserem Leben Unzufriedenheit, Stress und Leid schafft. Ob das eine Lebenskrise ist, oder auch ein Mangel an Sinn, Tiefe oder das Gefühl, dass es da noch “Mehr” geben muss.
Der buddhistische Praxispfad fordert uns auf, genau hinzusehen. Was liegt unter diesen Krisen und Herausforderungen? Was trägt dazu bei?
Diese Fragen beginnen in uns zu wirken und wir beobachten, welche Haltungen und Handlungen, welche Muster und Gewohnheiten in uns wirken, welchen Eindruck sie hinterlassen und welche Perspektiven sie fördern. Wo drückt denn gerade der Schuh – was trägt dazu bei? – Typische Fragen, die uns auf unserem Praxisweg begleiten und uns Einsichten und Verständnis schenken.
Diese Einsichten werden zu Handlungen. Schritt für Schritt beginnen wir unsere Haltungen und Handlungen zu verändern – und vergessen dabei immer wieder, schlafen immer wieder ein und beginnen von vorn. Doch dazwischen gibt es auch zunehmend Momente der Offenheit, Weite, Ruhe und Klarheit und wir erleben die Früchte und das Potential unserer Praxis.
Kleine Übung: “Wach auf!”
Nimm dir einen Moment Zeit – ganz unabhängig davon wo du gerade bist und was du tust.
Kannst du spüren, wie es in dir Zieht und schiebt? Die verschiedenen Handlungsimpulse, die wollen, dass du etwas tust, denkst oder sagst? Wie fühlen sie sich an? Wie fordernd, drängend, unumstößlich oder bedrohlich fühlen sie sich an? Erzählt dir dein Geist Geschichten und Erzählungen darüber, wer du selbst bist, wie die anderen und die Welt als solche sind?
Erlaube dir für fünf Atemzüge innezuhalten, bevor du diesen Impulsen nachgibst. Stell dir vor, dass du kleine Fragezeichen hinter die Geschichten und Beschreibungen setzt – “Kann sein, dass es so ist. Vielleicht aber auch nicht.”
Nimm wahr, wie in dieser Pause etwas mehr Raum entsteht.
Drei offene Fragen zum Weiterdenken
- Was bringst du mit den Worten “Erleuchtung” und “Aufwachen” in Verbindung?
- Gab es Momente in deinem Leben, in denen du bereits eine Ahnung dieses Erwachen hattest? Wo im Alltag zeigt sich dieses Erwachen vielleicht im Kleinen?
- Welche Handlungen und Haltungen, welche Erkenntnisse und Einsichten helfen dir dabei ein wenig Abstand zu deinen Impulsen und inneren Geschichten zu gewinnen?


