Warum der Buddha lehrte, dass gelebte Ethik Freude schenken und innere Ruhe stärken kann.
Was macht uns zufrieden?
Wenn wir an Zufriedenheit denken, dann kommen uns vielleicht Urlaube, guter Schlaf, ein nettes Gespräch oder ein genussvoller Moment in den Sinn. Die kleinen oder großen Freuden des Alltags, Momente angenehmer Empfindungen und erfüllter Bedürfnisse.
Der Buddha verwies neben diesen Zufriedenheitschancen noch auf eine weitere Quelle – eine, die uns weniger von äußeren Umständen abhängig macht. Denn was, wenn es im Urlaub regnet, der Schlaf sich nicht einstelle, der Genuss uns versagt wird und das Gegenüber keine Zeit für ein Gespräch hat?
Zufriedenheit, das ist für den Buddha auch eine Zufriedenheit, die entsteht, wenn ich mit mir selbst im Reinen bin. Wenn ich ein Gefühl von Integrität empfinde und damit eine Form des Selbstrespekts und der Würde, die mir keiner so leicht nehmen kann.
Buddha und Aristoteles hätten sich in der Hinsicht vermutlich gut verstanden: Beide meinten, dass tugendhaftes Handeln eine Form von innerem Glück ermöglicht. Psychologen würden den zustimmen, denn wer im Einklang mit den eigenen Werten handelt, trägt nicht so schwer an Schuld und Reue, hadert weniger, braucht weniger geistige Kraft für innere Konflikten und fühlt sich verbundener mit anderen.
Ethik im Buddhismus – nicht nur Verbote und Gebote
Im frühen Buddhismus taucht für Ethik das Wort Sīla auf. Das klingt zunächst einmal nach einengenden Regeln – “du sollst (nicht)…”. Und tatsächlich gibt es auch im Buddhismus klare Verhaltensregeln, die einen ethischen doppelten Boden schaffen und an denen wir uns klar orientieren können. Zum Beispiel die pañcasīla – fünf klassische ethische Verhaltensregeln:
- Wir sollen uns darin üben, niemandem Schaden zuzufügen.
- Wir sollen uns darin üben, nicht zu nehmen, was uns nicht gegeben wurde.
- Wir sollen uns darin üben, niemanden sexuell zu bedrängen.
- Wir sollen uns darin üben, nicht zu lügen.
- Wir sollen uns darin üben, nichts zu uns zu nehmen, was die Sinne vernebelt und zu impulsivem Handeln führen kann.
Das klingt zunächst einfach, kann aber im Alltag schnell widersprüchlich werden. In der konkreten Umsetzung treten bei solchen klaren Regeln schnell Dilemmata auf: Ist es okay zu lügen, um jemanden nicht zu verletzen oder zu beschützen? Wäre es in Ordnung etwas zu nehmen von jemandem, der ohnehin im Überfluss hat und es an Bedürftige weiterzugeben?
Schnell stellen wir fest, dass Ethik selten schwarz oder weiß ist. Es braucht so etwas wie ein ethisches Feingespür, einen inneren Kompass, der uns durch diese Dilemmata führt. Der Buddha nannte das kusala und akusala – ein Gespür für das, was hilfreich, zuträglich, heilsam und ethisch ist. Und dafür, was nicht unseren inneren Werten entspricht.
Im Buddhismus werden diese Regeln nicht von einem Gott auferlegt, der bei Nichterfüllung mit Strafe droht. In der Lehre des Buddhas hat die eigene Einsicht Priorität: Wir erkennen, wie wichtig, hilfreich und lohnend es ist, ethisch zu handeln. Es geht darum, im Vorfeld zu erkennen, was uns später einholen könnte und innere Unruhe, defensives Verhalten, schädliche Gewohnheiten, Schuld und Reue erzeugen könnte.
Ethik und der Achtfache Pfad – das Fundament
Der Buddha bettet die Ethik in den Achtfachen Pfad ein und stellt ihr zwei weitere Faktoren an die Seite: die Weisheit (Paññā) und die Schulung des Geistes (Samādhi). Die ethischen Aspekte des achtfachen Pfades sind:
- Angemessene Kommunikation – also so zu kommunizieren, dass die Sprache nicht verletzt, dass wir nicht aus Ärger heraus sprechen, die Wahrheit nicht verbiegen und achtsam sind, was den richtigen Zeitpunkt und die richtige Wortwahl angeht.
- Angemessenes Handeln – so zu handeln, dass unsere Gedanken, Worte und Taten unseren ethischen Werten und Regeln entsprechen und gegebenenfalls erst einmal zu reflektieren, welche das wären.
- Angemessener Lebenswandel – das eigene Leben so zu gestalten, dass es die Verbundenheit mit allen anderen Wesen berücksichtigt und unseren Fußabdruck, den wir hinterlassen, zu überdenken.
Wer diese Punkte nur als Pflicht versteht, übersieht den Schatz, der ihnen innewohnt. Es geht nicht darum Schuld und Strafe zu vermeiden, sondern vielmehr darum eine eigene Integrität zu entwickeln, die zur Quelle für Zufriedenheit, Selbstrespekt und innere Ruhe werden kann.
Achtsamkeit als Wächterin, Geistestraining als Voraussetzung
Ethik ohne Weisheit und Training des Geistes ist unvollständig. Wollen wir uns nicht nur an starre Regeln halten, sondern eine lebendige und situationsangemessene Ethik leben, dann brauchen wir diese Fähigkeit einen eigenen inneren Kompass zu entwickeln, der uns bei unseren Entscheidungen zu helfen.
Und damit die Ethik nicht nur graue Theorie bleibt, müssen wir unseren Geist schulen. Zum einen, in dem wir uns den Impulsen, dem Drängen und der Enge widmen, die uns manchmal beherrscht und uns in nicht-ethische Handlungen treibt. Zum anderen in Achtsamkeit, die uns dabei hilft innezuhalten und nicht jeden Impuls auszuagieren. Dank der Achtsamkeit kann ich innehalten, bevor ich reagiere, kann meine Absicht prüfen und spüren, ob ich aus Angst oder Fürsorge handle.
Was bleibt
Ethik im Sinne des Buddha ist nichts, was auf einer Checkliste abgearbeitet wird. Sie ist Gewohnheit, die wächst, wenn wir üben – manchmal mit Rückschritten, manchmal mit leisen Triumphen. Sie kann unbequem sein, aber sie schenkt diese besondere Ruhe, wenn abends der Kopf das Herz in Frieden lässt.
Mini-Übung: „Ich freue mich, dass ich…”
Nimm dir etwas Zeit und reflektieren die kleinen Alltagshandlungen der vergangenen Tage. Erinnere dich an die kleinen (und großen) Gesten der Hilfsbereitschaft, des Wohlwollens, des Respekts und der Fürsorge, die du anderen entgegengebracht hast.
Kannst du dich daran freuen, dass du in der Lage warst auf diese Weise anderen zu begegnen? Wenn dir das schwerfällt, dann überlege, wie du dich fühlen würdest, wenn dir jemand auf diese Weise begegnen würde. Spüre dem Empfinden von Freude, Selbstrespekt und Integrität nach.
Drei Reflexionsfragen
- Welche Werte sind dir im Umgang mit anderen wichtig? Welches Verhalten ärgert dich bei dir selbst und bei anderen? Welche Werte liegen diesem Ärger zu Grunde? Was brauchst du, um dich bei anderen sicher und gut aufgehoben zu fühlen?
- Mit welchen ethischen Richtlinien tust du dir schwer? Welche Bedürfnisse, Ängste und Sorgen kommen in solchen Momenten auf?
- Wie fühlt sich die Idee an, Ethik zu praktizieren als Quelle der Freude und des Selbstrespekts anstatt als Pflichterfüllung und zur Verhinderung von Strafe?


