Wenn wir von „Meditation“ sprechen, dann klingt das oft zeitlos – als gäbe es die eine Praxis, losgelöst von Geschichte und Kultur. Schaut man zurück in die Lebzeit des Buddha, zeigt sich ein anderes Bild: Die frühbuddhistische Meditation ist in einem Spannungsfeld verschiedener spiritueller Traditionen und kulturellen Umbrüche entstanden. Sie hat sich dadurch entwickelt, dass sie Bestehendes aufgenommen und weiterentwickelt hat – sie war weder völlig neu noch unabhängig von den Ansichten und Methoden der Zeit.
Genauso entstehen auch unsere heutigen Vorstellungen davon, was Meditation ist, wie wir meditieren sollten und was wir von unserer Praxis erwarten, aus den Einflüssen und Dynamiken unserer Zeit.
Das spirituelle Umfeld zur Zeit des Buddha
Zur Zeit des Buddha war Nordindien ein Spannungsfeld verschiedener religiöser, philosophischer und kultureller Strömungen. In Magadha, wo der Buddha lebte, hatte der Handel Auftrieb und die Städte florierten. Die traditionellen spirituellen Wege der Brahmanen ihr auf den Veden basierendes Wissen und ihre Opferkulte wurden herausgefordert von einer wachsenden Bewegung von Wanderasketen, den sogenannten śramaṇas, die sich in viele kleinere Schulen aufteilten und die Ansichten der Brahmanen oft in Frage stellten.
Will man das Spannungsfeld grob vereinfacht darstellen, so könnte man sagen, dass
- Auf der einen Seite die brahmanische Tradition stand, die Rituale, Opfer und eine soziale Ordnung in Form eines Kastensystem konservierten. Die Brahmanen selbst fungierten als Mittelmänner (Frauen waren von diesen Aufgaben ausgeschlossen) und hatten auf diese Weise eine Monopol- und Machtstellung in der Gesellschaft.
- Auf der anderen Seite stand die śramaṇa Bewegung, die nach persönlicher und selbstwirksamer Befreiung von Leid und dem sich stets wiederholenden Zyklus von Geburt und Tod strebte. Sie lebten meist abseits von Städten und Häusern, als Almosenempfänge und übten sowohl strengen Verzicht als auch Formen der Meditation.
In diesen Kreisen bewegte sich auch der Buddha und kam dort mit allerlei Ansichten zu bereits diskutierten Themen wie Karma, Wiedergeburt, Befreiung, ethisches Handeln und meditative Sammlung in Berührung.
Der Buddha als Suchender unter vielen
Bevor aus Gotama der „Buddha“ wurde, war er selbst ein Suchender, der sich den Wanderasketen seiner Zeit anschloss. Er verließ seine privilegierte Lebenswelt und übte sich in:
- Strenger Askese, indem er fastete, möglichst wenig schlief, sich ungeschützt Wind und Wetter aussetzte – alles mit der Idee, dass Selbstüberwindung die nötige spirituelle Energie (Tapas) mit sich bringen würde, die man zur Befreiung von Leid benötigt.
- Tiefer meditativer Versenkung, die er durch die Lehrer seiner Zeit vermittelt bekam und die in Struktur und Bezeichnung dem stark ähnelt, was wir heute unter Jhana Praxis verstehen.
In den Lehrreden des Pali-Kanon heißt es, dass er diese bereits hochentwickelte meditative Technik vollständig gemeistert habe. Und dennoch – weder die Askese noch die meditativen Vertiefungen brachten ihn zum gewünschten Ziel. Sein Körper war zu ausgezehrt, als dass tiefe Erkenntnis und Einsicht entstehen konnten.
Aus diesen Erfahrungen heraus wurde später der „Mittlere Weg“ formuliert, der besagt, dass weder mit blindem und impulsivem Stillen unserer Bedürfnisse noch mit Selbstverneinung und Härte gegen Körper und Geist der Weg eines inneren Friedens und einer „Freiheit von“ gangbar ist.
Übernehmen und neu deuten – die Methode des Buddha
Aus diesem kleinen historischen Abriss erkennen wir, dass der Buddha die Meditation nicht erfunden hat. Er hat Werkzeuge seiner Zeit genommen – und sie genutzt, teilweise umformuliert, teilweise weiterentwickelt.
Übernommen hat er zum Beispiel die Idee des einfachen Lebens und den Lebensstil der Wanderasketen. Auch die Sammlungs- und Versenkungspraktiken, die wir heute „Jhanas“ nennen, hat er mit aufgenommen.
Mit den Themen Karma, Wiedergeburt und Befreiung, die zu seiner Zeit in spirituellen Kreisen wohl viel diskutiert waren, hat er sich intensiv auseinandergesetzt und seine eigene Sichtweise erarbeitet.
Neu ausgerichtet hat er sich in der Zielsetzung, die er dem ganzen Unterfangen gegeben hat. Ging es zuvor mehr um das Verschmelzen der eigenen Essenz (Atman – ähnlich dem christlichen Konzept der Seele) mit dem göttlichen oder ewigen Selbst (Brahman), dann wurde es in der Lehre des Buddhas persönlich und psychologisch. Er plädierte dafür, dass man nicht das Göttliche suche, sondern in sich selbst ein Ende von Haben-Müssen, Abwehren-Müssen und Verwirrung / Verblendung anstrebe.
Die Meditation wurde vom Selbstzweck zu einem Instrument umgedeutet, die dazu diente den Geist (citta) zu kultivieren. Es ging nicht darum Bewusstseinszustände zu erleben, sondern hilfreiche Muster zu erlernen und schädliche Impulse des Geistes zu beenden zu lassen.
Dies alles wurde eingebettet in ein System der Ethik. Der Buddha widersprach offen der brahmanischen Idee, dass die negativen Konsequenzen unserer Taten (dunkles Karma), durch Rituale oder Waschungen aufgelöst werden könnten. Stattdessen plädierte er für eine persönliche Praxis der Ethik und des Mitgefühls – im Alltag, Tag für Tag.
Was ist Meditation? Die Antwort bleibt vielschichtig
Der Buddha spricht davon, dass alles, was ist „bedingt entsteht. Das heißt, dass nichts unabhängig von einem Kontext, unabhängig von Bedingungen, Umständen und Einflüssen besteht. Und wenn sich diese verändern, was sie früher oder später werden, dann verändert sich das, was wir gerade betrachten, gleich mit.
Genau das trifft auch auf unser Verständnis von Meditation und die Frage „Was ist Meditation?“ zu. Auch unsere Vorstellung von „Meditation“ ist bedingt entstanden.
Das beginnt noch bei den buddhistischen Lehrreden selbst. Die Texte sind nicht genau das, was der Buddha gesagt hat, sondern wurden an vielen Stellen überarbeitet, umformuliert, strukturiert und damit auch inhaltlich verändert. Was uns vorliegt, ist eine Sammlung mit über 10.000 sich teilweise widersprechenden Lehrreden, die grob gezählt etwa 40 verschiedene Themen oder Übungen der Meditation anleiten – kein besonders konsistentes oder einfaches Übungsfeld!
In unserer westlichen Welt ist Meditation vieles: Mal ein Wellness-Tool zur Entspannung, mal ein heroisches Werkzeug zur Selbstüberwindung, mal eine vielversprechende Eingangstür zu alternativen Bewusstseinszuständen. Jede*r LehrerIn, jedes Buch, jede App hat ihren Schwerpunkt. Das ist kein Problem, solange wir die Worte „Meditation ist…“ in den Anführungszeichen stehen lassen und wissen, dass das eine Sichtweise, ein Verständnis, aber nicht die alleinige Wahrheit ist.
Die Notwendigkeit selbst zu forschen
Wenn es keine eindeutige und abschließende Definition davon gibt, was buddhistische Meditation ist und was nicht, dann sind wir letzten Endes auch selbst gefragt.
Die folgenden reflektiven Fragen können dabei helfen selbst zu erforschen, welche Ansichten und welches Verständnis von Meditation man in sich trägt – wo das eigene Verständnis einen womöglich einschränkt und eine Haltung zur Meditation entwickelt werden kann, die von Neugier und Interesse getragen wird:
- Was ist Meditation für dich? Wodurch grenzt sich die Meditation von anderen Aktivitäten ab
- Was möchtest du mit der Meditation erreichen? Was glaubst du, müsste passieren, damit du sagen kannst: „Jetzt meditiere ich richtig“
- Woran erkennt man erfolgreiche, geschickte oder erfahrene Meditierende
- Welche Formen der Meditation kennst du? Welche Haltungen? Gehört Bewegung dazu oder nicht? Ist Tanz, Singen oder einen Text achtsam Lesen auch Meditation? Wo ziehst du eine Grenze und warum?
- Wenn du dir diese Sichtweisen anschaust – wo unterstützen sie dich und wo schränken sie dich vielleicht ein?
Wenn du mehr über Meditation als ein Kultivieren hilfreicher Fähigkeiten lesen möchtest, dann schlagen wir dir diesen Artikel vor.



