Viele erleben Meditation als Kampf mit dem eigenen Körper, oft auch mit dem eigenen Geist. Entweder tut etwas weh, oder der Kopf ist voller Gedanken über das, was war oder das, was sein wird. Dann nutzen wir in der Regel unsere Willenskraft und versuchen das Unangenehme zu ignorieren und die Gedanken zu verscheuchen. Das kann mühsam und frustrierend sein. Fragt man Meditierende, ob ihre Praxis sie nährt, ob sie ihnen Freude macht und etwas schenkt, dann reagieren sie oft verwundert. In der Regel glauben wir, dass das alles erst einsetzt, wenn wir Körper und Geist gezähmt haben.
Dabei ist Meditation, wie der Buddha sie beschrieb, etwas, dass uns zutiefst nähren, stabilisieren und mit Freude und Friedlichkeit füllen kann. Momente in denen das innere Drängen und Verlangen, der Druck, die Belastung, das Sollen und Müssen nachlassen. Dieses Erleben, den Zustand, wenn Herzensfrieden, Zufriedenheit und Weite Einzug finden, nannte er Samadhi.
Was bedeutet Samādhi?
Der Begriff Samādhi wird im Pali und Sanskrit mit „Sammlung“ oder „Zusammenführung“ übersetzt. Wörtlich: „etwas zusammenbringen“, „vereinigen“. Gemeint ist die Erfahrung, dass all das, was ansonsten drängt, fordert, schiebt, drückt, sprunghaft, abwehrend oder suchend ist, zur Ruhe kommt. Die übliche Zerissenheit von Körper und Geist (Herzgeist oder auch citta), lässt nach und wir kommen zur Ruhe.
Dieses Samādhi ist also weniger ein Tun als ein Erleben und Erfahren: ein Zustand von Körper, Herz und Geist, der sich entwickelt, wenn die Bedingungen stimmen.
Samādhi ist nicht Konzentration
Die Idee, dass Konzentration der Schlüssel zu Samadhi oder Sammlung sei oder gar damit gleichzusetzen, ist eines der größten Missverständnisse der meditativen Praxis. Im Westen verstehen wir unter Konzentration meist einen engen, intensiven Fokus auf eine Sache: „Streng dich an.“, „Bleib dran!“.
Übertragen wir dieses Konzept auf Meditation, dann meditieren wir oft mit großem innerem Druck: Wir wollen den Atem perfekt beobachten, keine Ablenkung zulassen und jeder Gedanke, jedes Geräusch stört. Wir erleben zunehmend Anspannung, Müdigkeit oder Frust.
Es ist nicht von der Hand zu weisen: für eine kurze Zeit ist diese Art des willenskraftgestützten Fokus wirksam und hat auch Vorteile: Die intensive Aufmerksamkeit, die wir dadurch schaffen wirkt wie eine Lupe: wir sehen eines genau und gründlich und schließen Vieles, was uns sonst berühren könnte, aus. In Momenten, in denen es darum geht, bestimmten Dynamiken nicht nachzuhängen, weil sie uns sonst schaden können, kann das hilfreich sein (“Nein, das mag ich nicht denken, das führt mich wieder zu…”).
Gleichzeitig dürfen wir aber auch spüren, wie aufwändig und anstrengend diese willenskräftige Art ist. Sie ist gerade im Alltag, der uns ohnehin immer wieder herausfordert, nicht aufrechtzuerhalten. Versuchen wir es doch, erleben viele Meditierende früher oder später regelrechte Widerstände gegen die Praxis. Was wir brauchen, ist ein Ansatz, der nährt, Freude bereitet und mit den Dynamiken, wie sie sich zeigen, umgehen kann, anstatt sie “loswerden zu müssen.”
Samādhi ist Fürsorge für Körper, Herz und Geist
Der Buddha beschrieb den Weg der Sammlung (samatha) als einen Prozess – einen inneren Dialog mit dem Herzgeist: das, was wir in der westlichen Welt vielleicht als Psyche, als Nervensystem und körperliche Intelligenz bezeichnen würde. Es geht darum, zu lernen, was Körper, Herz und Geist stabilisiert, nährt, beruhigt, klärt und zufrieden macht – nicht darum, mit Hilfe der Willenskraft alles stumm zu schalten.
Der Buddha nannte vier Faktoren, die den Weg ins Samadhi (auch Samatha genannt) begünstigen:
- Pīti – Freude, Leichtigkeit, Unbeschwertheit
- Sukha – Wohlbefinden, ruhiges Glück, genährt Sein
- Vitakka – die Fähigkeit, mit etwas in Kontakt zu treten
- Vicāra – die Fähigkeit, bei einem Erleben zu verweilen und es wirken zu lassen
Sind diese Qualitäten vorhanden, so gelingt es der Aufmerksamkeit in einem Erleben zur Ruhe zu kommen. Wie ein Vogel, der nicht mehr alarmiert seine Umgebung beobachtet und beim kleinsten Impuls aufschreckt, sondern in seinem Nest zur Ruhe kommt. So kann auch unsere Aufmerksamkeit zur Ruhe kommen und sich sammeln in einem Erleben, wie dem Atem, wenn diese Qualitäten präsent sind.
Der Buddha maß Samādhi große Bedeutung zu. In den Lehrreden finden wir immer wieder Hinweise: Wer die Freude und das stille Glück der Sammlung entdeckt, erkennt deren Überlegenheit gegenüber vergänglichen Sinnesfreuden (vgl. Majjhima Nikāya 14).
Aus westlich-psychologischer Sicht erinnert Samādhi an Zustände wie:
- Flow (vollständiges Aufgehen im Tun, mühelos konzentriert),
- Tiefenentspannung,
- oder auch verkörperte Präsenz (somatic experiencing).
Samādhi ist kein Selbstzweck
Die Praxis endet nicht damit, dass wir meditative Erlebnisse haben – egal wie angenehm oder außergewöhnlich diese sind. Meditation und Sammlung, so sagte der Buddha, dient dazu uns zu stabilisieren, unsere Sicht auf die Dinge zu klären und eine gesunde Distanz zum Erleben zu schaffen – so dass wir mit diesem umgehen können, anstatt blindlings zu reagieren.
Damit hängen meditative Praxis und eine ethische und mitfühlende Handlungsweise ganz eng zusammen. Die Meditation klärt und stabilisiert uns, so dass wir ethisch Handeln können. Und ethisches Handeln schenkt Freude, Respekt vor uns Selbst und ein reines Gewissen – alles Faktoren, die es deutlich einfacher machen zur Ruhe zu kommen.
Meditative Erlebnisse richtig einordnen
Manchmal praktizieren wir Meditation, weil wir von tollen Bewusstseinszuständen gelesen haben, die man durch Meditation erreichen kann. In den Lehrreden des Buddhas ist manchmal von den vier Jhānas (meditative Vertiefungen) die Rede, die schnell als “Qualitätsmerkmal” für die eigene Meditation herangezogen werden.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass es darum bei der Meditation nicht geht. Es gibt keinen Preis zu gewinnen für bewusstseinsverändernde Meditationen – und selbst wenn wir sie erfahren, so finden auch diese ihr Ende, wenn wir uns aus der Meditation erheben und dem Alltag wieder zuwenden. Wer Erlebnisse zur Messlatte macht, findet sich im selben altbekannten Spiel aus Zielerfüllung und Selbstbestätigung wieder – und fördern damit Haltungen und Sichtweisen, die wenig hilfreich sind, dem eigentlichen Zweck unserer Praxis sogar im Wege stehen können.
Zusammenfassung – Kernaussage
Samādhi bedeutet Sammlung und Vereinigung des Herzgeistes – nicht strenge Konzentration. Statt Willenskraft und Drill sind es Freude, Ruhe und verkörperte Präsenz, die den Geist allmählich heilen und stabilisieren.
Es geht nicht darum, „meditativen Fortschritt“ anhand von außergewöhnlichen Bewusstseinszuständen zu messen, sondern sich in Fürsorge Körper, Herz und Geist zuzuwenden und zu erforschen, was benötigt wird, damit diese zur Ruhe kommen können. Frieden entsteht nicht durch Anstrengung, sondern durch wohlwollende Zuwendung.
Mini-Übung: „Sich auf Freude einlassen“
- Setz dich oder steh entspannt hin.
- Finde im Körper eine kleine Empfindung von Wohlbefinden (Wärme, Leichtigkeit, angenehmer Atemzug).
- Erlaube, dass diese Empfindung ein bisschen Raum bekommt.
- Verweile drei Atemzüge dort.
Reflexionsfragen
- Wo im Leben brauchst du Willenskraft, um zu verhindern, dass dir selbst oder anderen ein Schaden entsteht? An welchen anderen Stellen geht deine Willenskraft verloren?
- Welchen angenehmen und wohltuenden Erfahrungen könntest du in der Meditation nachspüren?
- Wie würde sich deine meditative Praxis verändern, wenn das Ziel nicht wäre, frei von Gedanken oder ganz ruhig zu sein, sondern sich fürsorglich Körper, Herz und Geist zuzuwenden?



