Ethik

Ethik ohne Schuld und Scham

Ethik steht im Mittelpunkt der buddhistischen Lehre, und doch erscheint sie vielen von uns nicht als attraktives oder angenehmes Thema.


Geht Ethik auch anders?
Kann Ethik eine Quelle für Zufriedenheit sein und das Leben bereichern, anstatt es zu beschweren?

Ethik – wichtig, aber oft unattraktiv

Wenn wir „Ethik“ hören, tauchen schnell Bilder von Regeln, Verboten und Einschränkungen der Freiheit auf. Viele von uns verbinden das Thema mit Erfahrungen von Druck, Bewertungen, Schuldzuweisungen, dem erhobenen moralischen Zeigefinger oder der Scham, „nicht gut (genug)“ zu sein. Entsprechend wenig Lust haben wir, uns mit Ethik zu beschäftigen.


Ethik scheint etwas zu sein, das andere von uns verlangen. Wir „sollen“ ethisch sein – aber wollen wir das auch? Und warum sollten wir das wollen?


Gleichzeitig ist Ethik ein zentrales Thema der Lehre des Buddha. Er machte es recht deutlich: Ohne eine eigene Ethik und ein Handeln, das mit dieser im Kontakt ist, gibt es keine innere Sammlung (Samādhi) und auch kein Erwachen.

Ethik in der Lehre des Buddha 

Der Buddha betont die Ethik in Abgrenzung zu den vedischen Traditionen seiner Zeit, die sich mehr auf brahmanische Opferrituale und das Baden in heiligen Flüssen stützten, um Fehlhandlungen auszugleichen.

Der Buddha hingegen setzte auf Ethik als eine im Alltag gelebte Praxis, die aus den eigenen Fehlern lernt und zu Wachstum und Veränderung beiträgt.

In MN 7 drückt er diese Ansicht mit aller Deutlichkeit aus:
Jemand kann in verschiedenen heiligen Flüssen immer wieder baden – und dennoch werden die „dunklen Taten“ dadurch nicht weggewaschen. Reinheit entsteht nicht durch äußere Waschung, sondern durch das Reinigen von Herz und Handlungen, durch ein Leben, das sich an Mitgefühl, Achtsamkeit und Verantwortung orientiert.

Interessant ist, dass Ethik für den Buddha auf diese Weise zu einer Quelle von Freude und innerer Ruhe wird – und nichts zu tun hat mit ständiger Selbstanklage.

Wie aber kann das gehen?

Ottappa und Hiri – „Beschützer der Welt“

In diesem Zusammenhang spricht der Buddha von zwei besonderen Qualitäten: hiri und ottappa, den „lichten Dingen“, die die Welt beschützen.

Man findet manchmal die Übersetzungen „Schuld“, „Furcht“ und „Scham“ für diese Begriffe. Doch das greift zu kurz, denn hiri und ottappa sind keine Selbstabwertungen oder angstfördernden Zustände, sondern schützende Kräfte.

Hiri lässt sich als Gewissen oder Selbstrespekt verstehen: Es drückt sich aus als eine Klarheit darüber, welche Werte wir verkörpern möchten und wie unser eigener ethischer Kompass aussieht.

Hiri meldet sich, wenn wir spüren: „Das kann ich besser“ oder „Dieses Verhalten ist meiner nicht würdig.“ Es ist die Qualität, die uns hilft, uns im Spiegel anzuschauen und zu sagen: „Ich stehe zu dem, was ich tue.“
Wenn hiri präsent ist, ist der Geist friedlich; Reue, Selbstverachtung oder zermürbende Zweifel verlieren an Kraft, weil wir wissen: Ich habe nach bestem Wissen und Können im Einklang mit meinen Werten gehandelt.

Ottappa richtet sich nach außen, auf die Beziehung zu anderen. Es drückt sich aus als Respekt vor den Regeln, die eine Gruppe, eine Gemeinschaft oder auch eine Gesellschaft zusammenhalten.

Ottappa zeigt sich auch als Achtsamkeit gegenüber denjenigen, die wir respektieren und deren Respekt wir nicht verlieren möchten: Lehrerinnen, Freunde, Kalyāṇa-mitta – gute Weggefährtinnen, die uns unterstützen und inspirieren.

Ottappa umfasst auch alle anderen Lebewesen, deren Lebendigkeit wir achten – wir sprechen davon, dass sie Würde haben, eine Wertigkeit, die jenseits unserer Präferenzen oder des Nutzens liegt, den jemand oder etwas für uns hat.

Hiri und ottappa sind so gesehen Ausdruck von Selbstachtung und Achtung vor anderen – nicht von Angst davor, „ein schlechter Mensch zu sein“ oder von der Furcht, „etwas falsch zu machen“.

Abgrenzung zu Scham und Schuld

Um Ethik ohne zusätzliches dukkha zu kultivieren, lohnt es sich, die klare Unterscheidung zwischen diesen Qualitäten und den klassischen Empfindungen von Scham und Schuld herauszuarbeiten.

Scham knüpft an eine Idee von „Wertigkeit“ an. Dabei wird eine Handlung, eine Eigenschaft oder ein Fehler zur Aussage über meinen Wert. Dieser Wert verändert sich und hängt davon ab, wie andere oder ich selbst mich, mein Aussehen, meine Handlungen, meinen Nutzen, meine Leistung etc. bewerten.

Sehen wir Ethik aus dieser Perspektive, dann entsteht schnell die Frage: „Bin ich gut – oder zumindest gut genug?“

In dieser Logik werden unsere Handlungen untrennbar mit Selbstbildern verknüpft: „So bin ich“, „Das gehört zu mir“, „So bin ich im Vergleich zu anderen.“

Je stärker diese Selbstreferenz wird, desto weniger Raum bleibt mir für mein Gegenüber – ich bin auf eine sehr schmerzhafte Weise mit mir selbst beschäftigt. Da bleibt kaum Platz für Empathie und Präsenz mit anderen – wir kreisen um uns selbst.

Schuld enthält etwas weniger Selbstreferenz, weil sie sich eher auf eine konkrete Handlung bezieht: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.“
Das kann entlastend sein, weil nicht mein gesamter Wert als Person zur Debatte steht.
Schuld wird jedoch dann leidvoll, wenn sie auf überzogenen Kontrollansprüchen basiert („Ich hätte alles verhindern müssen“) oder wenn sie fruchtlos bleibt und nur in die Vergangenheit zeigt.

Heilsam wird Schuld dort, wo sie zur Erinnerungsfunktion wird: „Danke, dass du mich daran erinnerst, welche Werte mir wichtig sind und was ich üben und lernen kann, um in Zukunft mehr im Einklang mit meinen Werten zu handeln.“

Die Rolle unangenehmer Emotionen

Auch ohne Schuld und Scham spielen unangenehme Emotionen eine wichtige Rolle in der Praxis der Ethik.
Ottappa und hiri sind zunächst unangenehme Erfahrungen: Sie tauchen auf, wenn wir uns eine unethische Handlung vorstellen, mitten in ihr stecken oder rückblickend darüber nachdenken.

Dieses innere Aufmerken erinnert uns daran, dass unser Handeln Konsequenzen hat und dass unser Handeln andere und uns selbst berührt. Es erinnert uns daran, dass wir ein Bild davon haben, was hilfreich ist und was nicht – und dass wir uns mit uns selbst wohler fühlen, wenn wir danach handeln.

Es geht nicht – auch nicht in der Arbeit mit dem inneren Kritiker – darum, unseren moralischen Kompass zu deaktivieren, sondern darum, ihn von zerstörerischen Formen der Selbstverurteilung zu etwas zu transformieren, das mir hilft, ein Gefühl von Würde und Integrität zu kultivieren.

Glaubt man dem Buddha, dann sind diese unangenehmen Hinweise genau das, was eine Zufriedenheit mit uns selbst möglich macht.

Positive Emotionen als Motor der Ethik

Neben diesen eher unangenehmen Regungen können auch angenehme, positive Emotionen Ethik motivieren und stabilisieren.

Dankbarkeit: Wenn wir erleben, dass jemand uns mit Wohlwollen, Großzügigkeit oder Fairness begegnet, entsteht das Gefühl, beschenkt zu sein.
Aus dieser Fülle heraus reagieren wir dann selbst gelassener, toleranter, großzügiger und empathischer – weil wir nicht in leidvollen Perspektiven von „zu wenig“ und „nicht gut genug“ gefangen sind.

Inspiration: Wenn wir bei anderen oder bei uns selbst ethisches, fürsorgliches und heilsames Verhalten bewusst wahrnehmen, stößt das oft eine gewisse Bewunderung und Inspiration an.
„Schön“, sagen wir, wenn wir erleben, wie sich jemand rücksichtsvoll verhält oder angemessen mit einer Konfliktsituation umgeht.
Wir können uns von anderen inspirieren lassen, eigene Verhaltensweisen zu kultivieren, die uns genauso gut stehen und uns bereichern. Dieses bewusste Anerkennen heilsamer Qualitäten nennt man mudita, die Mitfreude – und sie macht Ethik ansteckend.

Zufriedenheit durch Integrität: Integrität meint einen Zustand des „Ganz-Seins“: Wir sind mit uns nicht entzweit, sondern handeln im Einklang mit dem, was wir als stimmig erkannt haben.
Wenn Integrität da ist, entsteht eine stille Zufriedenheit mit uns selbst – kein heroischer Höhenflug, sondern das schlichte Gefühl: „So kann ich gut mit mir leben.“
Dieses Gefühl lässt sich pflegen, indem wir unsere ethischen Handlungen bewusst anerkennen – uns darüber freuen. Mit der Zeit entsteht für diejenigen, die im Einklang mit ihren Werten handeln, eine leise, aber stabile Zufriedenheit. Man könnte sagen: „Mein Gewissen ist mein Kopfkissen – darauf schlafe ich nachts gut, und das gebe ich nicht leichtfertig auf.“

Ethik lebt in einem ganzen Feld angenehmer und unangenehmer Emotionen, die sie für uns lebendig und erfahrbar machen.

Sie wird dadurch zu einem inneren Kompass, der nicht nur von äußeren Regeln oder einem „Sein-sollen“ oder „Tun-müssen“ bestimmt ist, sondern auf einem tiefen Verständnis davon fußt, wie wir leben wollen.

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