Was es bedeutet, mit Veränderlichkeit, Unzulänglichkeit und Nicht-Selbst zu leben – und warum diese Einsichten keine schlechten Botschaften sind, sondern mehr Freiheit schenken.
Einleitung: Ein ganz gewöhnlicher Morgen
Da steht sie – die Tasse Tee (Kaffee) zusammen mit dem Stück Kuchen, auf das wir uns gefreut hatten. Einen ruhigen Moment hatten wir uns gewünscht, einen Augenblick zum Durchatmen. Der erste Schluck – warm, kräftig, genau richtig. Der erste Bissen – süß, lecker!
Der zweite Schluck, der zweite Bissen? Weniger intensiv. Und alle folgenden verlieren schnell an Reiz und Intensität. Dann fällt uns etwas ein, dass wir erledigen sollten. Oder das Telefon klingelt. Oder wir merken, wie verspannt der Rücken eigentlich ist. Wo ist er hin, unser perfekter Moment?
Tilakkhaṇa – Die drei Daseinsmerkmale
Drei Aspekte, die alles Erleben gemeinsam hat – und an denen wir uns hervorragend abarbeiten können. Die Tilakkhaṇa, oft ins Deutsche als Daseinsmerkmale übersetzt. Sie zu erkennen, zu verstehen und mit ihnen einen Umgang zu finden, wird oft als die Königsdisziplin des Dharmas verstanden. Klingt mal mystisch, mal hoch philosophisch, mal abweisend. Ist aber eigentlich ganz einfach: Alles verändert sich (anicca), enthält immer ein bestimmtes Maß an Reibung (dukkha) und lässt sich nicht besitzen, genau definieren oder kontrollieren (anatta).
Die drei sind weder Glaubensbekenntnisse noch mystische Erkenntnisse, die uns nach langen Stunden der Meditation zugänglich werden. Vielmehr handelt es sich um Perspektiven – Sichtweisen, die wir wie eine Brille wählen können und die uns einen neuen Blick auf eine Situation schenken. Einen Blick, den wir üben können, im Alltag zur Anwendung bringen und der uns so manche Reibung und Herausforderung im Leben verständlich macht.
Veränderlichkeit (Anicca): Nichts bleibt, wie es ist
Eigentlich wissen wir es – alles verändert sich. Weil aber unser menschlicher Geist ein gewisses Maß an Struktur und Ordnung braucht und ihm die stetige Veränderung mitunter ungeheuer ist, beginnen wir immer wieder damit über Sachen als unveränderliche, konstante Dinge nachzudenken. “So bin ich” denken wir über uns selbst und über unsere Mitmenschen “So bist du”.
Im Außen sehen wir sie oft klar, die Veränderlichkeit: Rollen und Aufgaben beginnen, verändern sich und enden. Wir wechseln den Beruf und den Wohnort, unsere Beziehungen erleben verschiedene Phasen und auch unser Körper verändert sich immer wieder.
Aber auch wenn wir nach innen schauen, können wir die Veränderlichkeit wahrnehmen: Gedanken haben verschiedene Themen, wir durchleben verschiedene Stimmungen am Tag und Emotionen entstehen und flachen ab. Unsere Absichten und Motivationen verändern sich, und selbst unsere Aufmerksamkeit ist immer nur kurz etwas zugewandt, bevor sie abschweift und etwas anderes in den Fokus setzt.
Unzulänglichkeit (Dukkha): Irgendwas ist immer
Dukkha wird oft mit „Leiden“ übersetzt. Das ist nicht falsch, aber oft zu grob. Dukkha ist mehr als nur Leid – es ist der feine Sand im Getriebe, die konstante Reibung mit dem (Er)Leben, mit der Tatsache, dass kein Moment perfekt ist bzw. bleibt. “Irgendwas ist immer” sagen wir im Spaß zueinander – und wenn es nur das Wissen ist, dass selbst der schönste Moment nicht andauern kann.
Wir reiben uns oft gehörig an dukkha – vielleicht bekommen wir doch noch hin, dass endlich mal alles gut ist? Wie oft nehmen wir an, dass das Unperfekte und Unvollkommene ein Fehler ist – ein Missverständnis. Und wir uns nur mehr anstrengen müssten und dann könnten wir die Perfektion vielleicht doch noch erreichen. Da kann man mitunter auch einmal wütend werden, das Leben als unfair oder ungerecht empfinden oder sich dafür schämen, dass man es nicht besser hinbekommt.
Dukkha erinnert uns daran, dass Reibung, Nicht-Perfektion und Unvollkommenheit zu diesem Leben dazugehören. Das ist nicht immer leicht anzunehmen, manchmal darf es auch betrauert werden. Und zusätzlich bedarf es einiger Weisheit zu entscheiden, wann es darum geht, etwas zu akzeptieren und wann ein beherztes Handeln Sinn macht.
Nicht-Selbst (Anatta): Ohne unveränderlichen Kern
Anatta, kann sich zunächst einmal, als die verworrenste der drei Perspektiven erweisen. Sie ist besser zu verstehen, wenn man weiß in welchem Kontext sie entstand: an-atta bedeutet so viel wie “nicht Atman” und mit Atman wurde zur Zeit des Buddhas so etwas bezeichnet, wie die göttliche Essenz, der unveränderliche, unantastbare und unabhängige Kern eines Menschen. Im christlichen Kontext würde man vielleicht von der Seele sprechen.
Mit seiner Lehre von anatta, wies der Buddha darauf hin, dass es in der Praxis nicht um diesen “Kern” gehen könne, denn alles, was wir erfahren und erleben, ist in Veränderung. Körper, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen – verändern sich ständig und damit all das, was wir in der Regel als “ich” oder “meins” bezeichnen.
Wer sich selbst den Tag über beobachtet, der merkt, wie oft sich unsere Selbstwahrnehmung verändert – sowohl “wer” wir sind als auch wie intensiv diese Selbstreferenz ist. Und manchmal haben wir herrliche Momente, in denen wir “selbstlos” sind.
Aber nicht nur wer wir sind, ist eine Dynamik, die ständig in Bewegung ist, auch was uns beschreibt, was zu uns gehört und was wir kontrollieren und verändern können. Es kann ordentlich herausfordern zu erkennen, dass wir oft zwar mitgestalten, Impulse setzen und Veränderung anstreben können – letztlich aber keine Kontrolle haben. Nicht einmal über unser Denken, Fühlen oder unsere Aufmerksamkeit. Denn hätten wir das, könnten wie sagen: “sei so (und nicht anders)”.
Eine schrittweise Praxis
Wer sich mit den drei Daseinsmerkmalen beschäftigt, der wird sicherlich die eine oder andere Herausforderung in ihnen finden. Sie greifen tief in unser Menschsein hinein und wir haben ganz verständlicherweise einiges an Widerständen ihnen gegenüber.
Es geht auch nicht darum, sich schonungslos mit diesen Perspektiven zu konfrontieren, sondern immer auch zu fragen: Was brauche ich, damit ich diese Sichtweise annehmen kann? Welche Ressourcen und welche Fähigkeiten sollte ich kultivieren?
Zum Beispiel braucht es ein stabiles Mitgefühl mit sich selbst und anderen, um anzuerkennen, dass dukkha ein fester Bestandteil menschlichen Lebens ist. Es braucht Klarheit und Präsenz, um zu erkennen, dass Erlebnissen nicht nur vorbei gehen (Vergänglichkeit), sondern auch ein schmerzlicher Abschied, eine üble Laune oder eine Unzufriedenheit nichts Stabiles sind und wir nicht ausschließlich mit den unangenehmen Aspekten der Veränderlichkeit verweilen sollten.
Alltagspraxis: Perspektivwechsel üben
- Die Perspektive der Veränderlichkeit: Die Einladung ist wahrzunehmen, was sich alles verändert – in uns und um uns. Zu erkennen, dass uns manche dieser Veränderungen willkommen sind und wir andere ablehnen. Dass wir manchmal das Angenehme oder auch das Schmerzliche festchreiben und darüber hinaus die anderen Aspekte des Erlebens, ausblenden oder ignorieren. Wie oft sagen wir “so ist etwas oder jemand” und versuchen etwas zu fixieren, was lebendig ist und sich ändert?
- Die Perspektive der Unzulänglichkeit: Die Einladung zu erkennen, dass nichts perfekt ist – weder wir, die anderen noch unsere Erlebnisse. Zu beobachten, wie wir mit dem ewig Unvollkommenen, Nicht-Perfekten, Mittelmäßigen umgehen. Welche Taktiken wir anwenden, welche Erwartungen wir hegen und welche Ziele wir anstreben – und ob das Hand in Hand mit der Tatsache geht, dass es auch in unserem nächsten Bestreben keine Vollkommenheit geben wird.
- Die Perspektive von Nicht-Selbst: Die Einladung wahrzunehmen, wie sich unser Selbstbild immer wieder ändert und verlagert. Wie wir uns mal so und dann wieder anders wahrnehmen. Und zu erkennen, was wir an dieses Selbst alles anhängen – was es können und kontrollieren sollte, was es beschreibt und wofür es verantwortlich ist. Wozu wir es machen wollen und was es alles nicht sein darf. Und dann zu hinterfragen, ob wir tatsächlich die Mittel und Möglichkeiten dazu haben und ob wir die Umstände, die dazu beitragen mit in unsere Erwartungen einbezogen haben.
Drei Fragen zum Mitnehmen
- Wie gehe ich mit Veränderung um? Wo fällt sie mir auf und wo ignoriere ich sie häufig?
- Was reagiere ich auf Unvollständigkeit, Mittelmäßigkeit und mangelnde Perfektion?
- Worüber glaube ich Kontrolle zu haben und was ist wirklich, wirklich “meins”?
Fazit: Kein düsteres Dogma, sondern eine Einladung
Anicca, Dukkha und Anatta klingen auf den ersten Blick eher trostlos. Aber sie sind keine Weltverneinung – sie laden uns ein behutsam zu erkunden, was ohnehin geschieht. Und indem wir uns diese Perspektiven bewusst wählen, lernen wir Schritt für Schritt die Ressourcen kennen, die wir brauchen, um diese Aspekte des Erlebens anzunehmen. Auf diese Weise integriert, erleben wir eine Freiheit – frei von den üblichen Vermeidungsstrategien, die uns sonst so viel Kraft, Zeit und Aufmerksamkeit kosten.


