Karma und Wiedergeburt – was hat das mit mir zu tun? 

Karma und Wiedergeburt – zwei Begriffe, über die man früher oder später stolpert, wenn man sich mit Buddhismus befasst. Aber was bedeuten sie tatsächlich für uns? Muss man daran glauben? Oder kann man sie getrost beiseitelassen? Und – vielleicht am spannendsten – welche Rolle spielen sie in unserem Alltag? 

Einleitung: Was, wenn nichts verloren geht? 

Ein typisches Erleben im Alltag: Eins führt zum anderen. Wir hören, sehen oder spüren etwas – sofort beginnt der Geist, es einzuordnen. Er baut ein Bild: von uns selbst, von anderen, von der Welt. Dieses Bild färbt unsere Stimmung. Aus der Stimmung entsteht ein Gefühl, und dieses Gefühl beeinflusst, wie wir handeln. 

Vor dem Telefonat war alles in Ordnung. Danach sind wir irritiert, verletzt oder unruhig. Und noch bevor wir es merken, schwappt das in unsere nächsten Gedanken, Worte oder Taten hinein. 

Diese Spiralen kennen wir alle. Sie tauchen in unserer Sprache auf, in den immer gleichen Reaktionen auf bestimmte Erlebnisse – und in den Stimmungen, die uns wie alte Bekannte besuchen. Manche sind so vertraut, dass wir sagen: „Das bin ich, so bin ich eben.“ 

Erlebnisse berühren uns – und wir reagieren. Unsere Handlungen hinterlassen Spuren. Sie schaffen Echos, die Muster und Gewohnheiten formen.  Und schon sind wir Karma auf die Spur gekommen – mitten im Alltag.  

Karma – Weder Schuld noch Strafe  

„Karma“ heißt im Sanskrit schlicht „Handlung“. Mehr nicht. Nichts Mystisches, kein unsichtbares Konto im Himmel. In der buddhistischen Lehre bedeutet es: Jede Handlung – ob gedacht, gesprochen oder getan – hat Folgen. 

Dafür braucht es keinen kosmischen Richter. Es reicht das schlichte, aber oft unbequeme Prinzip: Was wir tun, wirkt – in uns und um uns herum. 

Wie wirkt Karma? 

Oft hört man im Alltag: „Das ist Karma“, wenn jemand sagt, er habe „sein Fett weggekriegt“. Als wäre Karma eine Art kosmische Rechnung, die irgendwann beglichen wird – gute Menschen bekommen Gutes, schlechte Schlechtes. 

Vielleicht steckt dahinter unser Wunsch, die Welt möge gerecht sein. Doch so einfach funktioniert Karma nicht. Vor allem nicht im Sinne des Buddha. Er hat klar gemacht: Karma ist nichts, das uns von außen „geschickt“ wird. Es zeigt sich in uns, in unseren Mustern, Gewohnheiten und Haltungen. 

Gefährlich wird es, wenn die Idee von Karma missbraucht wird – etwa um Leid zu rechtfertigen: „Die Menschen, die arm sind oder von einer Katastrophe getroffen wurden – das ist eben ihr Karma.“ Dieser Sichtweise fehlt es an Mitgefühl und an der Bereitschaft zu helfen. 

In seiner ursprünglichen Bedeutung ist die Lehre von Karma eine Einladung: Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen, statt in den Gefängnissen von Schuld und Strafe zu verweilen.  

Karma als psychologische Dynamik 

Karma spielt sich vor allem im Inneren ab. Es wirkt 

  • in der Art, wie wir Erlebnisse deuten, 
  • darin, worauf wir achten – und was wir ausblenden, 
  • in unseren spontanen Lieblingsreaktionen, 
  • in den Geschichten, die wir uns über uns und die Welt erzählen. 

Karma ist nicht übernatürlich – es ist menschlich. Wir können es in unseren eingefleischten Reiz-Reaktions-Mustern beobachten. Genau deshalb ist Achtsamkeit so machtvoll: Sie erlaubt uns, diese Kette zu unterbrechen. 

Achtsamkeit unterbricht den Karma-Zyklus 

Der Buddha sprach davon, dass wir das Kreislaufspiel von Reiz und Reaktion beenden können. Der Achtfache Pfad bietet Werkzeuge, um Herz und Geist so zu stabilisieren, dass wir nicht impulsiv reagieren müssen. 

Plötzlich entsteht Wahlfreiheit: Will ich das wirklich sagen? Muss ich so handeln? Will ich diesem Gedanken weiter nachhängen? 
Zwischen Reiz und Reaktion öffnet sich Raum – ein Raum, in dem wir nicht aus alten Mustern handeln müssen, sondern aus unseren Werten und aus Fürsorge für uns und andere. Dort kann altes Karma zur Ruhe kommen. 

Und Wiedergeburt – was soll das sein? 

Der Strom, der weiterfließt 

Im Buddhismus bedeutet Wiedergeburt nicht, dass eine feste „Seele“ in einen neuen Körper hüpft wie eine Spielfigur. Die Idee gleicht eher dem Bild vom Fluss – das Wasser, das vorbeiströmt, ist nie dasselbe, aber er fließt ununterbrochen weiter. Gewohnheiten, Tendenzen, Reaktionsmuster, die nicht zur Ruhe kommen – all das setzt sich fort. 

Muss man daran glauben? 

Nicht unbedingt. Viele Praktizierende nehmen die Idee auch sinnbildlich: Jeder Moment enthält ein Ende und einen Neubeginn. Das alte Ich von heute Morgen gibt es schon nicht mehr. Und wenn ich ein ungünstiges Muster – zum Beispiel Ungeduld – erkenne und bewusst anders handle, dann fühlt sich das manchmal fast an wie „wiedergeboren werden“, mitten am Tag. 

Ob man diese Sichtweise nun auf andere Leben ausdehnen möchte oder nicht, ist zweitrangig. Die Praxis bleibt die selbe: Begegne den Gewohnheitsmustern und impulsiven Reaktionen. Schaffe Raum um sie. Lasse dich von Werten leiten, die tiefer greifen als das, was die Impulse vorschlagen. Schaffe dir Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten.  

Mini-Übung: „Was leitet mich?“ 

Sei im Alltag achtsam für Momente in denen du dich gedrängt fühlst etwas zu sagen, zu denken oder zu tun.  

Spür nach, welche Bedürfnisse, welche Wünsche dieses Handeln begleiten. Was möchtest du erreichen, warum willst du das gerade?  

Nimm dir dann einige Augenblicke Zeit. Musst du das gerade wirklich? Gibt es Werte und Bedürfnisse, die vertrauensvoller erscheinen? Wie möchtest du handeln und der Situation begegnen, so dass diese Handlung mit deinen Werten vereinbar ist. 

Sollte es dir gelingen dich von diesen hilfreichen Qualitäten durch dein Handeln begleiten zu lassen, dann spüre anschließend nach: Was verändert sich? Wie geht es dir mit dir selbst? Wie fühlt es sich an, eine Wahl zu haben?  

Drei Fragen zum Weiterdenken 

  1. Welche Muster und Gewohnheiten sind dir so vertraut, dass du sagen würdest “Das macht mich aus?” oder auch “So bin ich!” Gibt es auch Momente in denen diese Muster sich nicht zeigen?  
  1. Wer warst du heute morgen? Was hat dich beschäftigt? Wofür warst du aufmerksam? Was ist davon gerade noch übrig? Wer bist du jetzt gerade?  
  1. Welche Werte und Qualitäten könnten dir ein sicherer Hafen sein, wenn es darum geht Impulse und Gewohnheiten nicht einfach blindlings fortzuführen? 
Weitere Beiträge