Mitgefühl ist ein Begriff, den wir oft hören – sei es in der Achtsamkeitspraxis, in buddhistischen Texten oder in psychologischen Ratgebern. Doch was genau bedeutet Mitgefühl? Und worin unterscheidet es sich eigentlich von Mitleid oder dem, was wir „Mitleiden“ nennen?
Herausforderungen im Leben gibt es genug – von den kleinen, alltäglichen bis hin zu den dramatischen und traumatisierenden Erfahrungen. Die Frage ist, wie wir diesen begegnen, ohne auf der eine Seite zu werten oder uns auf der anderen Seite darin zu verlieren. Dabei ist Mitgefühl sowohl eine innere Haltung als auch ein konkretes Handeln.
Grundlage des Mitgefühls
Mitgefühl ist nicht nur ein gut gemeintes Gefühl, sondern eine grundlegend praktische Haltung: Es beginnt damit, anzuerkennen, dass etwas wirklich herausfordernd ist – für andere wie für uns selbst. Es ist diese Anerkennung des Schmerzes, der Schwierigkeit, die echtes Mitgefühl von bloßem Mitleid oder dem belastenden Mitleiden abgrenzt und eine fürsorglich-klare Unterstützung möglich macht.
Dabei ist Einfühlungsvermögen nicht dasselbe wie Mitgefühl. Empathie, die eigene Fähigkeit sich in die Erfahrung eines anderen einzufühlen, kann neutral oder sogar belastend wirken. Wir können uns einfühlen, um den anderen zu manipulieren, oder wir spüren uns ein und verlieren uns dann in dieser anderen Erlebenswelt.
Im Unterschied zur Empathie ist das Mitgefühl immer von dem Wunsch geprägt unterstützend zu sein. Mitgefühl erkennt das kleine und das große “Autsch” an, das wir erleben und weiß darum, dass die Situation fordernd oder sogar herausfordernd ist. Mitgefühl beginnt im Alltag damit, zu sagen: „Das ist gerade wirklich schwer“ – für einen Freund, eine Kollegin oder sich selbst. Diese emotionale Anerkennung von Schwierigkeiten, ist ein zentraler Bestandteil der mitfühlenden Unterstützung und kommt zum Beispiel in Sätzen wie „Es ist verständlich, dass du dich so fühlst“ zum Ausdruck.
Damit fordert das Mitgefühl, dass wir uns die gegenwärtige Situation ehrlich einzugestehen (“ja, das ist gerade schwer”) und nicht beschönigen oder verdrängen, was ist. Zum Mitgefühl gehört in Berührung mit dem zu kommen, was schmerzlich ist – ohne sich davon vereinnahmen zu lassen. Ein mittlerer Weg zwischen Indifferenz, Gleichgültigkeit und Ablehnung auf der einen Seite und einem Eingenommen Sein, einer Identifikation und einer Überwältigung durch das schmerzliche Erleben.
Mitgefühl im Buddhismus: Eine grundlegende Haltung
Im Pali-Kanon wird Mitgefühl zum einen mit dem Begriff karuṇā in Verbindung gebracht. Damit ist das Mitgefühl eines der sogenannten Brahmavihāras – der Herzensqualitäten, mit denen wir zu unserem Erleben, uns selbst und anderen in Beziehung gehen. In den Lehrreden wird oft zum Ausdruck gebracht, dass der Buddha aus Mitgefühl bzw. Fürsorge (anukampa) handelte – dass dies seine Grundlegende Motivation und Haltung war.
Der Begriff der Fürsorge bringt einen weiteren Aspekt hinzu: der Wunsch andere (und sich selbst) zu unterstützen, fürsorglich zu begleiten. Dazu braucht es nicht notgedrungen eine Herausforderung oder Schwierigkeiten – eine fürsorgliche Haltung kann auch an der Freude und dem Wohlbefinden eines Lebewesens interessiert sein.
In den Lehrreden finden wir keinen Unterschied zwischen Selbstfürsorge / – Mitgefühl und einer Fürsorge und einem Mitgefühl für andere. Ganz im Gegenteil – wir lesen immer wieder, dass der Buddha dazu ermutigt ein Mitgefühl zu praktizieren, dass uneingeschränkt wirkt und nicht speziellen Menschen zugestanden und anderen vorenthalten wird.
Was ist der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleid?
Um das Mitgefühl verstehen und für sich nutzen zu können muss man es von anderen Dynamiken, wie dem Mitleid und dem Mitleiden abgrenzen können.
Mitleid: Haben wir Mitleid mit jemandem, dann entsteht zwischen uns und dem anderen schnell ein Gefälle – wir verlieren die Augenhöhe miteinander. Der andere wird als schwach und bedauernswert erlebt oder auf seine Herausforderung reduziert. Häufig bringt das Mitleid eine gefühlte Distanz mit sich oder gar eine bewusste oder unbewusste Überlegenheit. Aber ich im Selbstmitleid wird aus dem grundlegenden Mitgefühl eine Art neue Identität: Wir definieren uns über unsere Herausforderung, die uns vielleicht zum Opfer macht, oder wir haben das Gefühl, die Welt oder andere Menschen sind uns etwas schuldig. Gerne mischen sich Dynamiken wie Vergleich oder Bitterkeit mit ein. Unser Geist kann im Mitleid stecken bleiben, sich in die Vergangenheit richten oder in endlos scheinenden Gedankenschleifen immer wieder um das Leid kreisen.
Mitleiden: Hier bringen wir dem anderen so viel Empathie entgegen, dass wir regelrecht mit der herausfordernden Erfahrung unseres Gegenübers eins werden. Statt mitzufühlen, leiden wir nun mit – und so leiden zwei. Wer auf diese Weise stark mitleidet, kann ausbrennen oder sich vom Leid anderer überfordert fühlen schützt sich deshalb dafür – “wie soll ich dein Leid nur aushalten?”. Mitgefühl ist aber nicht die Idee, dass wir das Leid verdoppeln oder vervielfachen. Schließlich ist dann niemand geholfen und in der Regel wird der der mitleidet, ebenfalls hilfsbedürftig, verliert seine Balance und auch seine Klarheit. Die Herausforderung des anderen anzuerkennen, ohne sich darin zu verlieren, ist die Kunst des Mitgefühls.
Mitgefühl bedeutet die Herausforderung wahrzunehmen und anzuerkennen – wir lassen uns davon berühren, aber bleiben handlungsfähig. Ein solches Mitgefühl geht einher mit Fürsorge, Wohlwollen und der Motivation, zu unterstützen, ohne gleichzeitig mehr Leid zu schaffen, in uns oder im anderen. Mitgefühl fordert uns dazu auf einen mittleren Weg zu erkunden, zwischen Distanz und Überforderung.
Mitgefühl und Psychologie: Warum es uns stärkt
Neuere Forschungen in der Achtsamkeits- und Emotionspsychologie (z. B. Kristin Neff, Paul Gilbert) zeigen, dass Menschen, die Mitgefühl kultivieren, resilienter mit Stress und Konflikten umgehen können. Der Unterschied zwischen Mitgefühl und Mitleiden ist auch biologisch messbar:
- Mitleiden aktiviert im Gehirn Areale, die mit Schmerz verbunden sind.
- Mitgefühl hingegen aktiviert Netzwerke, die Freude, Fürsorge und Motivation fördern.
Mitgefühl ist also kein „weiches“ Gefühl, sondern eine stabilisierende Kraft, die uns befähigt, angesichts von Leid nicht wegzuschauen, sondern konstruktiv zu handeln.
Mitgefühl im Alltag üben
Mitgefühl ist nicht bloß eine Emotion, sondern eine Praxis. Wir kultivieren es, indem wir uns auch im Alltag unsere Fähigkeiten an Empathie, Wohlwollen und Verständnis zunutze machen.
1. Achtsam zuhören
Mit mitfühlenden Ohren zuzuhören bedeutet, dass wir nicht sofort Lösungen vorzuschlagen oder nach Schuldigen suchen, wenn wir jemandem zuhören, der von seinen oder ihren Schwierigkeiten berichtet. Mitfühlend zu sein, kann in erster Linie bedeuten das Geschenk der eigenen Aufmerksamkeit und Empathie zu machen und dem anderen Raum zu lassen, die eigene Herausforderung zu reflektieren.
2. Mitgefühl sich selbst gegenüber praktizieren
Mitgefühl im Alltag zeigt sich als die Bereitschaft, die großen und kleinen “Autschs”, die Misserfolge und Missgeschicke, die Fehler und Unannehmlichkeiten als solche anzuerkennen. Nicht alles davon ist tragisch und dramatisch und doch ist all das etwas, womit wir im Alltag Umgang finden dürfen. Dann innezuhalten und zu sagen “Ich nehme war, dass mich das gerade herausfordert. Das das gerade anstrengend ist.” bedeutet bereits Mitgefühl zu praktizieren.
3. Berühren und Handeln
Mitgefühl schließt Handlung ein – wir prüfen, ob wir die Möglichkeit haben, eine kleine (oder auch größere) Handlung zu tun, die auf das nicht gesehen Bedürfnis, den Mangel oder den Schmerz eingeht, den unser Gegenüber erlebt, sei es durch eine kleine Geste (eine Umarmung) oder durch strukturelles Engagement (soziales Handeln, ethisches Wirken im Beruf).
Mini-Übung: Mitgefühl im Atem
Setze dich für einen Moment aufrecht hin. Schließe die Augen oder lasse den Blick weich werden. Nimm drei nährende Atemzüge.
Nimm wahr, was dich den Tag über bereits gefordert und berührt hat. Vielleicht sind es deine eigenen Herausforderungen, vielleicht aber auch die Herausforderungen anderer.
Dann erkenne diese Reibung, diese Frustration oder den Schmerz mit Wohlwollen an. “Das ist eine Herausforderung – es ist in Ordnung, dass mir das schwerfällt.” oder auch “Autsch. Es ist nicht einfach damit zu sein.”
Lass dich nicht von Lösungsvorschlägen oder Geschichten rund um diese Herausforderungen ablenken, komm stattdessen zurück ins Spüren, nimm die Unzufriedenheit, den Schmerz, den Unmut und die Frustration war.
Nach einigen Minuten nimmst du wieder drei nährende Atemzüge und beendest die Übung.
Reflexionsfragen
- Wie kann ich dem Leiden und Schmerz anderer begegnen und gleichzeitig etwas Raum darum schaffen, so dass ich nicht ins „Mitleiden“ kippe – und wie fühle ich mich dann?
- In wie vielen Situationen im Alltag könnte mir mehr Mitgefühl für mich selbst oder andere eine Alternative zu Frustration, Enttäuschung, Traurigkeit oder Schuldgefühlen sein?
- Welche kleinen Handlungen könnten aus Mitgefühl geboren werden, ohne dass ich mich selbst überfordere?
Quellen und weiterführende Literatur
- Neff, Kristin: Self-Compassion: The Proven Power of Being Kind to Yourself.
- Gilbert, Paul: The Compassionate Mind.
- Louise Reddemann: Mitgefühl, Trauma und Achtsamkeit in psychodynamischen Therapien
- Pali-Kanon, Dīgha Nikāya 13, Tevijja-Sutta (Lehre von den Brahmavihāras).


