Zuflucht nehmen, was heißt das?  

Einleitung – Vom Bedürfnis nach Schutz zur bewussten Lebensausrichtung 

Vielleicht warst du irgendwann in einer Situation, in der alles ins Wanken geraten ist, in der die Unsicherheit und Vielschichtigkeit des Lebens sich überfordernd angefühlt hat. In solchen Momenten taucht manchmal die Frage auf: Woran halte ich mich fest? 
Im Buddhismus beginnt vieles genau dort. Die Zufluchtnahme zu Buddha, Dharma und Sangha ist nicht nur ein religiöses Ritual, sondern eine durchaus persönliche Antwort auf diese Frage. Manche sagen, sie ist so etwas wie eine innere Orientierung, andere bezeichnen es als stilles Versprechen, sich nicht länger an äußeren Umständen zu orientieren, sondern innere Werte zu priorisieren.  

Buddha, Dharma und Sangha – Die Bedeutung der „drei Juwelen“ im Leben 

Die Zufluchtnahme bietet drei Orientierungspunkte für das eigene Leben, auch Juwelen genannt, weil sie großen persönlichen Wert haben können. Diese Praxis ist uralt – älter als der Buddhismus selbst. Zuflucht zu nehmen zu etwas oder jemand, der Schutz verspricht und Orientierung schenkt – ein ureigenstes menschliches Bedürfnis. 

Buddha: Inspiration, Vorbild und menschliche Möglichkeit 

Der Buddha steht symbolisch für das Potenzial in jedem Menschen, Klarheit und Mitgefühl zu entwickeln. Die Zuflucht zu Buddha ist kein Personenkult, sondern die Hinwendung zu den Qualitäten der Erwachung – Mut, Verstehen, Mitgefühl – und das Vertrauen, dass diese Entwicklung möglich ist. 

Dharma: Lehre, Praxis und ethischer Kompass 

Dharma meint die Lehre, den Weg und die Praxis. Die Zuflucht zum Dharma ist das Vertrauen auf einen Weg der Erkenntnis, der durch Achtsamkeit, Meditation und reflektiertes Handeln konkret wird. Ethik ist hier kein Dogma, sondern lebendige Orientierung. Zentral sind die Vier Edlen Wahrheiten und der Achtfache Pfad – sie bieten alltagsbezogene Inspiration für ein heilsames Leben. 

Sangha: Gemeinschaft, Unterstützung und Dialog 

Die Sangha bietet Halt, Austausch und kritische Begleitung. Sie ist der soziale Raum für ethische Reflexion und gemeinsame Praxis. Im modernen Kontext kann die Sangha eine Onlinegruppe, ein Meditationskreis oder eine spirituelle Freundschaft sein – zentral ist die gemeinsame Suche nach Wahrheit und Mitgefühl. 

Zeremoniell? Ja – muss aber nicht 

Klassisch geschieht die Zufluchtnahme oft in einer Zeremonie: Räucherstäbchen, ein Lehrer oder eine Lehrerin, vielleicht ein neuer Dharma-Name. Viele vollziehen diesen Schritt auch leise für sich ohne, dass es jemand im Außen bemerken muss.  

Wann nehmen Menschen Zuflucht? Auch das ist unterschiedlich. Zum einen gibt es in den buddhistischen Klöstern bestimmte Abläufe, deren Bestandteil die Zufluchtnahme ist. Zum anderen verstehen Menschen die Zufluchtnahme oft auch als ihren bewussten Schritt Buddhistin zu werden und sich der Lehre des Buddhas anzuschließen. 

Die eigene Motivation dazu kommt zum einen aus einem Moment der Konfrontation mit den Irrungen und Wirrungen der Welt. Wenn wir uns überfordert, haltlos oder ohne Orientierung empfinden, kann es helfen Zuflucht zu nehmen in Werten und Prinzipien, die beständig und klar sind. Zum anderen schenken diese ein gewisses Vertrauen darin, dass es Wege gibt, klüger, gütiger, heilsamer zu leben. 

 Zuflucht im Alltag – vom Ideal ins Handeln 

Zuflucht zu nehmen, heißt nicht eine Formel dreimal am Tag zu murmeln. Vielmehr darf sich die Zufluchtnahme in unseren Haltungen und Handlungen zeigen, mit denen wir durch den Alltag gehen. Dazu gehört: 

  • Die Zufluchtnahme in den Buddha erinnert uns daran, dass wir innehalten wollten, um uns die Muster und Dynamiken anzusehen, die sich in uns und in unseren Beziehungen abspielen. Das wir inneren Narrativen nicht unbedingt Glauben schenken müssen und nicht jeden drängenden Impuls ausagieren sollten. Zu wissen: “Ich bin mehr als das” und “Ich habe Handlungsmöglichkeiten und Alternativen zu denken, zu sprechen und zu handeln”. 
  • Die Zufluchtnahme in den Dhamma erinnert uns daran, dass es einen nächsten möglichen Schritt zu tun gibt. Wir kommen aus unserem “Nachdenken über” heraus und fragen uns, was diese Situation konkret braucht. Welche Qualitäten und Perspektiven jetzt hilfreich wären, welcher nächste Schritt zu tun ist. 
  • Die Zufluchtnahme in die Sangha erinnert uns an die zwischenmenschlichen Qualitäten, die wir in die Beziehung zu uns selbst und die Beziehung zu anderen einflechten können: Freundlichkeit, Fürsorge, Wertschätzung und Fairness. Sie erinnert uns daran, dass wir es nicht allein schaffen müssen, sondern die Gemeinschaft mit anderen suchen und auch pflegen dürfen. 

Eine Frage der Verantwortung 

Zuflucht nehmen bedeutet auch, Verantwortung zu übernehmen. Man will hineinwachsen in dieses eigene Potential und dazu gehört die Bereitschaft, die eigene Sprache, Denkmuster und Handlungen zu überprüfen. Einen eigenen ethischen Codex zu entwickeln, eigene Werte herauszuarbeiten, nach denen wir handeln wollen.  

Und gleichzeitig Mensch zu bleiben, mit all seinen Irrungen, seiner Unvollständigkeit und seiner Imperfektion – auch daran erinnert der Buddha, wenn wir Zuflucht nehmen: es ist ein menschlicher Weg, kein Weg der Perfektion. 

Mini-Übung: Drei Atemzüge der Zuflucht 

Diese Übung kannst du immer und überall ausführen – wann immer du ein wenig Halt und Orientierung brauchst. 

Nimm dir einen Moment Zeit und spüre dich im Körper ein. Dann nimm Zuflucht im Rhythmus deines Atems: 

  • Einatmen und ausatmend: Ich nehme Zuflucht zu Buddha – ich habe alles in mir, um diesen Pfad hin zu mehr Klarheit und Mitgefühl zu gehen. 
  • Einatmen und ausatmend: Ich nehme Zuflucht zum Dharma – ich komme in Kontakt mit diesem Moment und spüre, was es jetzt braucht. Ich gehe einen kleinen nächsten Schritt. 
  • Einatmen und ausatmend: Ich nehme Zuflucht zur Sangha – Ich bin Mensch unter Menschen, getragen von Freundlichkeit, Fürsorge, Wertschätzung und Fairness.  

Spüre einen Moment nach, ohne zu bewerten. 

Drei Fragen zum Weiterdenken 

  • Was könnte die Zufluchtnahme für dich bedeuten? Auf welche Weise könnte die Zufluchtnahme für dich hilfreich sein?  
  • In was suchst du in der Regel Zuflucht, wenn du herausgefordert oder orientierungslos bist? Was gibt dir in solchen Momenten Halt und Orientierung?  
  • Welche Bedeutung haben Buddha, Dharma und Sangha für dich persönlich? Und wenn sie noch bedeutungslos wirken – wie könntest du sie mit “Leben” füllen? 

Zum Abschluss  

Die Zufluchtnahme ist kein Punkt auf einer To-do-Liste, den man abhaken kann. Sie ist eher wie ein Versprechen, das man sich selbst gibt – und das man immer wieder erneuern darf. Ob man es sich selbst in Stille gibt oder mit anderen gemeinsam ausspricht: Es richtet auf und aus, schenkt Haltung und Orientierung, auch wenn es mal drüber und drunter geht. 

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