Tanha

Definition

Hinweis zur Schreibweise: Mit Thana ist sehr wahrscheinlich Taṇhā gemeint, der buddhistische Begriff für Durst/Begehren; nicht zu verwechseln mit dem seltenen Pali‑Wort thana/thāna in anderen Bedeutungen.
Taṇhā bezeichnet den reaktiven „Durst“ nach Sinneslust, nach Sein und nach Nicht‑Sein, der in der zweiten der Vier Aufgaben/Wahrheiten als Schlüsselbedingung für Leid benannt wird und in Abhängigkeiten (paṭicca‑samuppāda) ganze Stress‑Schleifen antreibt.
Säkular verstanden ist Taṇhā kein moralischer Makel, sondern ein veränderbares Muster aus Impuls, Bewertung und Gewohnheit, das durch Achtsamkeit, Sammlung, Einsicht und kluge Rahmenbedingungen reguliert werden kann.

Übersetzung und Wortherkunft

Pali: taṇhā.

Sanskrit: तृष्णा (tṛṣṇā).

Gängige Übersetzungen: Durst, Gier, Begehren, Verlangen, Craving.

Etymologie: von der indogermanischen Wurzel für „Durst/Trockenheit“; wörtlich „Durst“, übertragen „Begierde/Craving“ als treibender Impuls hinter Anhaften und Leiden.

Synonyme/nahe Begriffe: kāma‑taṇhā (Sinnes‑Durst), bhava‑taṇhā (Seins‑Durst), vibhava‑taṇhā (Nicht‑Seins‑Durst); verwandt mit lobha (Anhaftung) und als Glied im bedingten Entstehen positioniert.

Beschreibung und Bedeutung

Im Dharma erklärt Taṇhā, wie aus Kontakt und Gefühl reaktive Schleifen werden: Angenehmes wird festgehalten, Unangenehmes abgewehrt, Neutrales soll nicht verfallen; daraus entstehen Anhaften (upādāna), Verfestigung und Stress, die im Abhängigkeitsgefüge Leid vermehren. Diese Analyse ist nicht metaphysisch, sondern funktional: Wird Taṇhā im Entstehen erkannt, kann die Reaktion unterbrochen werden – durch Aufmerksamkeitssteuerung, Emotionsregulation und Einsicht in Vergänglichkeit und Nicht‑Selbst, die Anhaften und Feindseligkeit schwächen. So stützt die Arbeit mit Taṇhā rechte Rede, Handlung und Lebensunterhalt: weniger Impulsivität, mehr Klarheit in Zielen und Mitteln, und eine Kultur der Reparatur statt Vergeltung.

Taṇhā steht als zweites Daseinsfaktum der Vier Aufgaben/Wahrheiten im Fokus: Sie wird als zu verlassende Bedingung benannt, deren Aufhören (nirodha) möglich und erfahrbar ist und deren Ende durch den Achtfachen Pfad kultiviert wird. Klassisch werden drei Formen unterschieden: Sinnes‑Durst (kāma‑taṇhā), Durst nach Existenz/Identität (bhava‑taṇhā) und Durst nach Nicht‑Existenz/Flucht (vibhava‑taṇhā); alle drei können individuell und kollektiv auftreten, etwa in Konsum, Statuskämpfen oder Eskapismus, und sind durch Übung und Rahmensetzung beeinflussbar. Damit wird Taṇhā zum Scharnier zwischen Psychologie, Ethik und sozialer Gestaltung: Wo Bedingungen klug verändert werden, sinkt Reaktivität und wächst Kooperation.

Säkularer Buddhismus

Taṇhā wird als empirisch prüfbares Muster aus Impuls, Bewertung und Gewohnheit gelesen, das durch Achtsamkeit, Sammlung, Einsicht sowie durch Kontext‑ und Systemdesign (Pausen, Transparenz, Feedback, Schutzwege) verändert werden kann. Leitend sind Schadensminderung und Wirksamkeit: Entscheidend ist, ob Reaktivität abnimmt, faire Prozesse zunehmen und Fürsorge verlässlicher wird; „Craving“ gilt als verlernbar, nicht als Schuld oder Essenz.

Theravāda und Mahāyāna

Im Theravāda ist Taṇhā Kern der zweiten Wahrheit und wird dreifach unterschieden; kommentariell wird sie häufig mit lobha korreliert und innerhalb des bedingten Entstehens präzise verortet. Im Mahāyāna erscheint Taṇhā im Rahmen der „drei Gifte“ (Gier, Hass, Verblendung) und wird durch Prajñā (Weisheit), Karuṇā (Mitgefühl) und upāya (geschickte Mittel) transformiert; die Ausrichtung auf das Wohl aller dient als regulatorischer Gegenpol zum egozentrischen Zug des Cravings.

Bezug zu westlichen Konzepten

Taṇhā lässt sich mit lerntheoretischen Verstärkerschleifen und Impuls‑Kontrolle in Psychologie/Neurowissenschaften verbinden, wo Craving als konditionierbares Muster gilt. Tugendethik (Aristoteles) beschreibt die Kultivierung stabiler Dispositionen als Gegengewicht zu impulsiven Neigungen, während stoische prosoche (wache Aufmerksamkeit) Reiz‑Reaktions‑Pausen betont. In der Entscheidungs‑ und Organisationstheorie korrespondieren „Craving‑Bremsen“ mit Pausen, Transparenz und Feedback‑Schleifen; Public‑Health‑Ansätze der Schadensminderung spiegeln die pragmatische Logik des Pfades. So wird Taṇhā zur Schnittstelle zwischen innerer Schulung und fairen, kooperationsfähigen Strukturen.

Bezug zur Alltagspraxis und ethischem Leben

Alltagsfragen lauten: Was triggert gerade „Mehr!“, „Ich!“ oder „Weg!“ – und welche kleine Veränderung unterbricht die Schleife ? Praktisch helfen Reiz‑Reaktions‑Pausen, klares Benennen von Gefühlen/Bedürfnissen, bewusstes „Nein“ zu kurzsichtigen Impulsen, Gegenwartsfokus beim Essen, digitale Hygiene, fairer Umgang mit Geld, Macht und Nähe sowie Restorative‑Schritte nach Fehlern. Auf Team‑/Systemebene wirken klare Absprachen, Schutzwege, transparente Rollen und Feedback als strukturelle „Anti‑Craving“-Rahmen, die Vertrauen und Kooperation stärken.

Suttas

Verwandte Begriffe:
Durst, Gier, Verlangen
<< Zurück zum Glossar