Die vier Brahmaviharas – Das Herz in Beziehung 

Metta, Karuna, Mudita, Upekkha – vier Qualitäten, die unser Miteinander verändern 

Freundlichkeit (Metta), Fürsorge (Karuna), Wertschätzung (Mudita) und Unvoreingenommenheit (Upekkha) – das sind die sogenannten Brahmaviharas. Wenn sie in einer Beziehung lebendig sind, schenken sie uns Herzensoffenheit, Vertrauen und ein Gefühl von Sicherheit – mit anderen und auch mit uns selbst

Der Mensch als Beziehungswesen 

Menschen sind nicht für’s Alleinsein gemacht. Wir leben in Gemeinschaft, bilden Familien und Freundschaften, teilen Freuden und Sorgen. Wir brauchen dieses Gefühl von Zugehörigkeit – sonst fühlen wir uns verloren, egal, wie „erfolgreich“ wir nach außen wirken. 

Das wusste auch der Buddha. Darum gründete er die Sangha, eine Gemeinschaft, in der sich Menschen auf dem Weg gegenseitig unterstützen. Denn Beziehungen prägen uns – sehr tief, im Guten wie im Schwierigen. 

Wie wir in Beziehung gehen, kann sehr unterschiedlich aussehen: 

  • Manchmal sind es Machtgefüge oder Abhängigkeiten. 
  • Manchmal ein unausgesprochenes „Wenn du nett zu mir bist, bin ich nett zu dir.“ 
  • Manchmal auch nur oberflächliche Höflichkeit. 

Und leider kennen wir auch die Schattenseiten: Beziehungen, die von Angst, Druck, Sehnsucht, Wut oder sogar Aggression geprägt sind. Das kann sehr verletzend sein. 

Aber es geht auch anders. Beziehungen können nährend sein, wenn sie von Qualitäten wie Freundlichkeit, Fürsorge, Wertschätzung und innerer Ausgeglichenheit getragen sind. Genau diese vier nannte der Buddha die Brahmaviharas. 

Was bedeutet „Brahmavihara“? 

Das Wort klingt zunächst ungewohnt. Übersetzt heißt es in etwa „der erhabene Aufenthaltsort“ oder „göttliche Rast“. Klingt vielleicht ein bisschen feierlich – doch gemeint ist etwas sehr Menschliches: ein innerer Zustand von Ruhe, Sicherheit und Geborgenheit. Ein Ort im Herzen, an dem wir uns zu Hause fühlen. 

Und er maß diesen Qualitäten eine gehörige Portion Bedeutung zu. Sie helfen nicht nur dabei in die meditative Sammlung zu kommen, sie befreien auch unseren Herzgeist (citta), von den Dynamiken und Mustern, die uns einengen und einschränken und helfen uns damit den Weg hin zum Ziel der Praxis zu gehen: der Friedlichkeit und Freiheit, die der Buddha das Erwachen nennt.

Die vier Qualitäten im Alltag 

Metta – Freundlichkeit 

Metta leitet sich vom Sanskrit-Wort mitra ab: „Freund“. Es geht um eine Freundlichkeit, die nicht davon abhängt, ob wir jemanden mögen oder nicht. Echte Freundschaft bedeutet Verlässlichkeit, Akzeptanz, Präsenz – und ein Wohlwollen, das keine Gegenleistung erwartet. 
Metta muss nicht „Liebe“ im romantischen Sinn sein. Es kann heißen, jemandem Raum zu geben, auch wenn er uns gerade anstrengt – ohne Härte oder Ablehnung. 

Karuna – Fürsorge und Mitgefühl 

Karuna richtet sich darauf, wie es dem Gegenüber geht – auf seine Bedürfnisse, Gefühle und Herausforderungen. Wir zeigen eine gewisse Bereitschaft uns empathisch in den anderen einzufühlen statt nur uns selbst wahrzunehmen. Wir lassen uns berühren vom anderen. Dabei kann sich Karuna als Mitgefühl zeigen, aber es muss nicht immer mit einem leidenden Gegenüber verbunden sein. Es kann sich auch in Fürsorge für jemanden ausdrücken, der gerade keine Not hat – wir wünschen ihm Freude und Zufriedenheit oder sorgen dafür, dass es ihm weiterhin gut geht. 

Mudita – Wertschätzung und Mitfreude 

Mudita ist unsere Fähigkeit zur Wertschätzung und Freude darüber, dass es uns und anderen gut geht. Sie ermöglicht uns das Schöne, Gute und Heilsame in uns und anderen zu erkennen und das anzuerkennen und zu feiern, was uns unterstützt, nährt und berreichert. Von der Schönheit der Natur über eine Handlung, die schön ist, weil sie eine ethische Haltung zum Ausdruck bringt. Dankbarkeit, Mitfreude und das Gefühl beschenkt und getragen zu werden, das sind alles Facetten von Mudita. Mudita hilft uns, uns innerlich satt zu fühlen – in einer Welt, die oft in Vergleichen und Mangeldenken geprägt ist. 

Upekkha – Unvoreingenommenheit und innere Balance 

Upekkha bedeutet Ausgeglichenheit – nicht Gleichgültigkeit. Es heißt, nicht sofort aus den eigenen Vorlieben oder Abneigungen heraus zu handeln, sondern zu fragen: „Was braucht die Situation wirklich?“ 
Manchmal bedeutet Upekkha, bewusst Abstand zu nehmen, um nicht im Strudel der eigenen Reaktionen unterzugehen. Es geht um innere Geräumigkeit – das Herz bleibt offen, auch wenn die Wellen hochschlagen. Upekkha zeigt sich anderen gegenüber als Fairness und Unvoreingenommenheit – ich behandle dich als Menschen, als Gegenüber, mit grundsätzlichem Respekt und nicht aus meinen (Vor)Urteilen, meinen eigenen Plänen und Interessen heraus. Grundlegender Respekt und ethische Spielregeln entwachsen dieser inneren Ausgeglichenheit.

Brahmaviharas in der Praxis 

Manchmal wird die Praxis der Brahmaviharas stark romantisiert: Setz dich einfach hin, wiederhole ein paar Sätze – und schon bist du voller Mitgefühl. In Wirklichkeit ist es Arbeit. Diese Qualitäten wachsen durch Praxis, durch Ausprobieren, durch Fehler und Neubeginn. 

Auf diese Weise lernen wir sie zu unterscheiden von ähnlichen, aber weniger heilsamen Haltungen. Zum Beispiel: Indifferenz ist nicht Upekkha. Mitleiden und Mitleid ist nicht dasselbe wie Karuna. 

Die Brahmaviharas sind kein Extra-Baustein, den man zusätzlich praktiziert. Sie sind ein roter Faden, der durch alles fließen kann, was wir tun: 

  • Wie reagiere ich in einem Konflikt? 
  • Wie begegne ich schwierigen Gefühlen – meinen eigenen oder den anderer? 
  • Wie gehe ich mit Freude um, mit guten oder schlechten Nachrichten? 

Selbst in Meditation sind sie präsent. Wer schon einmal länger gesessen hat, kennt vielleicht die kleinen Störenfriede: Langeweile, Frust, Angst. Auch hier können die Brahmaviharas die innere Haltung verändern. 

Kein Ideal, sondern ein Weg 

Es ist leicht, aus den Brahmaviharas ein Ideal zu machen und sich dann schlecht zu fühlen, wenn man „wieder Mal nicht freundlich genug“ war. Aber Schuldgefühle zu hegen ist nicht der Punkt dieser Praxis. Aus diesen Schuldgefühlen lernen wir nichts. Woraus wir aber wohl lernen können ist, wenn wir genau beobachten, wann und warum wir keinen Zugang zu einer dieser Qualitäten haben – auch das ist Teil der Praxis. Dann dürfen wir einfach hinschauen: 
Was steht dem im Weg? Angst? Schmerz? Eine alte Überzeugung? 

Erst wenn wir beginnen die Qualitäten diese Weise im Alltag zu erforschen, die Hindernisse und die Hilfen erforschen, dann werden sie für uns auch lebendig und authentisch – und bleiben nicht bloß schöne Worte. 

Mini-Übung – Einfaches Metta 

Setz dich bequem hin. Spür kurz deinen Körper. Nimm wahr, ob da gerade angenehme oder unangenehme Gefühle sind. 

Jetzt begrüße diese Erfahrungen wie Gäste – ganz gleich, ob sie laut und fordernd sind oder leise im Hintergrund. Du musst nichts an ihnen ändern, nichts bekämpfen. Lass sie da sein, wie du einem Gast einen Platz anbieten würdest und dann wende dich der nächsten Erfahrung mit der gleichen wohlwollenden Haltung zu. Verweile nicht zu lange und besinne dich darauf, dass das Willkommen heißen, nicht das “Verbessern”, der Kern der Praxis ist.

Verweile eine Weile damit. Schau, ob sich deine Haltung den Erfahrungen gegenüber verändert. 

Drei Fragen zum Mitnehmen 

  1. Welche Qualitäten prägen deine Beziehungen im Alltag – gegenüber dir selbst, anderen und Erfahrungen und Erlebnissen? 
  1. Was passiert, wenn du aufhörst, das Erleben zu verändern – und stattdessen deinen Fokus auf deine Haltung legst? 
  1. Welche der vier Brahmaviharas fällt dir leicht, welche fühlt sich fremder an? 
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