Zwischen Geschichte, Legende und Inspiration für unsere Zeit. Eine achtsame Annäherung
Eigentlich eine einfache (und berechtigte) Frage: „Wer war der Buddha?“, doch um sie zu beantworten, können wir nicht einfach ein Geschichtsbuch öffnen oder auf konkrete Daten zurückgreifen. Was können wir eigentlich wissen über die historische Figur des Buddhas? Wie können wir unterscheiden zwischen Mythos und historischen Fakten? Und ist die Figur des Buddhas heute noch über seine Funktion als beliebter Dekoartikel hinaus relevant?
Was können wir mit Sicherheit über den Buddha wissen?
Der Buddha, historisch als Siddhartha Gautama (Pali ‚Gotama‘) bekannt, lebte vermutlich im 5. Jahrhundert v. Chr. im nordindischen Raum. Was wir heute über ihn wissen, stammt zum Teil aus den frühesten buddhistischen Schriften – dem sogenannten Pali-Kanon. Einige der darin enthaltenen Lehrreden wurden in ähnlichen Fassungen in anderen Sprachen wie Sanskrit, Chinesisch und Tibetisch überliefert und die Ähnlichkeiten in diesen Texten lassen Wissenschaftler auf einen Originaltext zurückschließen. Zum Teil liegen auch historische Funde vor, wie Säulen, die der Kaiser Asoka errichten ließ, die den Buddha benennen.
Alle Texte wurden jedoch erst Generationen nach dem Tod des Buddhas schriftlich festgehalten, denn die Lehrreden des Buddhas wurden zunächst einmal von einer Generation an Mönchen an die nächste ausschließlich mündlich überliefert. Was der Buddha also genau gesagt hat, das ist uns nicht bis ins letzte Detail erhalten geblieben.
Damit sind alle Geschichten, die wir uns über den Buddha erzählen immer genau das: Geschichten. Hier ist eine Variante, die auf den Lehrreden des Pali-Kanons fußt:
Eine mögliche Kurzbiographie des Buddhas
Siddhartha wuchs in Nordindien in einer Stadt namens Kapilavatthu geboren als Sohn von Suddhodana. Sein Vater, der Raja von K gehörte der Familie der Sakiya an, die wiederum Teil der Kaste der Khattiya waren, dem damaligen Krieger- und Dienstadel. Den Texten lässt sich entnehmen, dass er ein materiell gut gestelltes Leben führte mit vielen sinnlichen Genüssen und er wurde noch in seinen Teenagerjahren mit seiner Cousine Yasodhara verheiratet.
Mir der Zeit reift die Entscheidung in Siddharta, das dieses Leben trotz des Luxus nicht zufriedenstellend ist und im Angesicht mit den Herausforderungen von Krankheit, Altern, Sterben und der Veränderlichkeit und Vergänglichkeit all dessen, was einem wichtig ist, keinen Halt bietet.
Er verlässt daraufhin seine Familie, dazugehören auch seine Frau und seinen inzwischen geborenen Sohn Rahula, und begibt sich, wie es im alten Indien dieser Zeit nicht unüblich war in die Hauslosigkeit als Samana oder Wanderbettler, die von den Almosen der dörflichen Bevölkerung lebten.
Den Lehrreden gemäß schließt er sich zunächst einem Lehrer namens Alara Kalama an und dann einem weiteren namens Uddaka Ramaputta. Bei beiden lernt er eine Form der meditativen Praxis kennen, die ihn in meditative Vertiefungen führt und die er auch meistert, die ihn aber letztendlich nicht zufriedenstellen. Daraufhin wendet er sich der Askese zu einer Praxis des extremen Verzichts, die er laut den Überlieferungen so intensiv praktizierte, dass er daran fast gestorben wäre. Als auch dies nicht zum gewünschten Ziel, dem Überwinden des Leids (dukkha) führt, gibt er schließlich auch die Askese wieder auf.
Er nimmt wieder Nahrung zu sich und beginnt dann, inspiriert von einer Kindheitserinnerung voller Wohlbefinden und geistiger Ruhe, eine Praxis der Meditation zu kultivieren, die Körper, Herz und Geist beruhigt und sammelt. Auf diese Weise ruhig und klar gewinnt er tiefe Einsichten, die in sein Erwachen bzw. Aufwachen münden. Das Wort Buddha stammt ab von der Wurzel budh– was so viel bedeutet wie Aufwachen bzw. Erwachen aus einer Trance aus einem Traum.
Die Erkenntnisse, die er in dieser Zeit sammelt, beginnt er dann weiterzuvermitteln. Zunächst an eine kleine Gruppe ehemaliger asketischer Wegbegleiter, dann an eine stetig wachsende Gruppe von Mönchen, bis er schließlich auch Nonnen in seine Gemeinschaft aufnimmt.
Sein weiteres Leben verbringt er damit zu lehren, die Gemeinschaft and Mönchen und Nonnen sowie Laien (Sangha) zu pflegen und wandert als Wanderbettler weiter durch Nordindien. Im Alter von vermutlich 80 Jahren stirbt er, vermutlich an den Folgen einer Lebensmittelvergiftung.
Wie kann der Buddha uns heute inspirieren?
Die frühesten Quellen schildern den Buddha als Lehrer, der sich auf das menschliche Leiden, Mitgefühl und praktische Ethik konzentriert – ohne den Anspruch, eine gottgleiche oder übermenschliche Inkarnation zu sein. Er wird dargestellt als Mensch mit Eigenheiten, der seine Handlungen überdenkt und korrigiert, der unter Rückenschmerzen leidet und schließlich einen sehr menschlichen Tod stirbt.
Er lebte auch in einer Zeit großer politischer Umbrüche und musste erleben, wie zahlreiche Freunde litten, starben und sogar umgebracht wurden. Sein eigener Cousin Devadatta trachtete ihm mehrfach nach dem Leben und die Sangha die er leitete war keinesfalls ständig harmonisch und friedlich.
Er war also ein Mensch, der mit zahlreichen Dynamiken zu tun hatte, die uns auch heute noch beschäftigen. Mögen die Umstände auch andere sein, so setze er sich doch intensiv mit den zugrundeliegenden Mustern auseinander, die sowohl in uns selbst als auch in unseren Gemeinschaften zu finden sind und schuf aus dieser Reflektion einen holistischen Praxisweg, den wir bis heute anwenden können, im Rahmen des sogenannten achtfachen Pfades.
Dort stellt er die Bedeutung von Weisheit, Ethik und der Sammlung als gleichberechtigte Aspekte nebeneinander. Weisheit als die Fähigkeit unterscheiden zu können, zwischen dem, was uns und anderen zuträglich ist und was nicht. Ethik als die Bereitschaft und mit unseren Handlungen und deren Folgen auseinanderzusetzen und sich von Werten wie Mitgefühl, Fürsorge und Rücksichtnahme leiten zu lassen. Und zuletzt auch die Bedeutung der Sammlung, der Fürsorge für Körper, Herz und Geist in Form von Achtsamkeit und Meditation.
Die Auseinandersetzung mit der Figur des Buddhas eröffnet auch in uns die Frage: Wie will ich leben? Wie will ich mein Leben und mein Handeln gestalten und wovon erhoffe ich mir Zufriedenheit, Wohlbefinden und Sinnhaftigkeit?
Literatur und Hintergründe
- Hans Wolfang Schumann (2004): “Der historische Buddha“
- Bhikkhu Analyo (2022): „Early Buddhist Oral Tradition: Textual Formation and Transmission”
- Bhikkhu Analayo (2017): “A Meditator’s Life of the Buddha, Based on the Early Discourses”
- Richard Gombrich (2009): “What the Buddha Thought”
Weitere empfehlenswerte Quellen:


