Meditation – Mehr als Sitzen und Atmen 

Oft wird Meditation als Allheilmittel präsentiert, das erst Entspannung und dann Erleuchtung garantiert. Tatsächlich ist Meditation jedoch eine Begnung mit den Dynamiken und Mustern von Körper, Herz und Geist, die durchaus fordernd, vielschichtig und vielseitig ist.  

In dieser Begegnung gibt es weder gibt es die “eine” Methode noch die “richtige” Art zu meditieren – es geht für jede*n darum, einen persönlichen Weg zu finden. Damit Meditation sicher und hilfreich sein kann, ist es notwendig, sie zu hinterfragen. Daher an dieser Stelle einige Impulse zu den häufigsten Mythen und Missverständnissen, die rund um das Thema kursieren.  

Einleitung: Wenn die Meditation nicht mit den Erwartungen mithalten kann 

„Ich habe es versucht – Meditation ist nichts für mich. Ich konnte einfach nicht stillsitzen. Mein Kopf wurde lauter statt leiser.“ 

Solche Aussagen hören Achtsamkeits- und Meditationslehrer:innen regelmäßig. Doch Widererwarten, zeigen sie nicht, dass Meditation „nicht funktioniert“, sondern dass die Vorstellungen darüber was während einer Meditation passieren sollte, oft zu einseitig und eng sind. Viele erhoffen sich eine Art fünf Schritte Plan, eine noch ungekannte geheime Technik, die schnell zum Erfolg führt.  

Die Wirklichkeit der Meditationspraxis ist anders weniger magisch, dafür lebensnaher und alltagstauglich. Es braucht keine absolute Stille – weder in noch um uns. Es braucht keine Bärenkräfte oder fortwährende Selbstüberwindung. Meditation ist Training für den Geist und gleichzeitig Quelle der Freude, Zufriedenheit und des Wohlbefindens.  

  • Weder sind Durchhalteparolen und Zähne zusammenbeißen angemessen (“Wenn du dich genug anstrengst, wirst du irgendwann die Früchte deiner Praxis ernten”)  
  • Noch ist es der Anspruch der Meditationspraxis immer angenehm, ruhig, still und beglückend zu sein. Was sie nicht sein sollte, ist hart, zäh oder überfordernd – was sie sein darf, ist vielseitig, verschiedenartig und turbulent – ein Spiegel unserer selbst.  

Hier zeigt sich ein Grundprinzip der buddhistischen Lehre: Der mittlere Weg. Ein Einpendeln zwischen den Extremen, eine Balance zwischen Polen, eine Aufforderung uns immer wieder auszugleichen und auszubalancieren – zwischen zu viel Aufwand und zu wenig, zwischen Disziplin und Experimentieren, zwischen Tun und Sein. 

Häufige Missverständnisse über Meditation 

1. Meditation ist harte Arbeit 

Stichworte, die im Rahmen der Meditationspraxis immer wieder auftauchen sind: Fokus, Konzentration und Nicht-Denken.  

Wer auf diese Weise meditiert, dem gelingt es vielleicht manchmal sich ganz auf den Atem zu konzentrieren und ansonsten alles zu vergessen. Oft genug wird man aber die Kraft für diesen intensiven Fokus nicht aufbringen können und vielleicht erlebt man nach einiger Zeit willenskräftigen Übens regelrechte Widerstände gegen die Praxis.  

Sammlung (nicht Konzentration) ist etwas, dass sich einstellt, wenn Köper, Herz und Geist zurück in ein Gleichgewicht finden – und dieses stellt sich laut den Praxisanleitungen des Buddhas (zum Beispiel in der bekannten Lehrrede zum Anapanasati-Sutta) dann ein, wenn wir in der Lage sind, Körper und Psyche zu beruhigen und uns auf angenehme Erfahrungen einlassen, die die Aufmerksamkeit zum Verweilen einladen. Keine Spur von ständiger Willenskraft – vielmehr ein einfühlsames Eingehen auf die inneren Dynamiken. 

2. Meditation dreht sich um den Atem  

Viele denken, Meditation ist das gleiche wir auf den Atem zu achten. Tatsächlich kann der Atem ein wertvoller Anker und Referenzpunkt sein (siehe Ānāpānasati Sutta), aber er ist bei Leibe nicht der einzig mögliche. 

Die buddhistische Lehre schlägt eine ganze Reihe weiterer meditativer Übungen vor, die alle unterschiedlliche Qualitäten und Fähigkeiten fördern. Wie beim Krafttraining ist hier auch die Frage: “Was will ich stärken” oder “Welche (inneren) Muskeln brauche ich?”  

Da wären Fähigkeiten der Beobachtung und des Begleitens unseres Erlebens, die zum Beispiel in der vipassana Praxis betont werden. Da wäre das bewusste In-Beziehung-Gehen mit Erlebnissen, wie zum Beispiel in der Praxis der Herzensqualitäten (Brahmaviharas) oder auch die Reflektion von Themen wie Dankbarkeit, eigener Integrität, der Zufluchtnahme oder der eigenen Sterblichkeit (anussati-Praxis).  

Und selbst wenn wir uns auf den Atem einlassen, dann geht es nicht darum, diesen unter Dauerbeobachtung zu halten, sondern zu sehen, was passiert, wenn wir das tun. Was uns ablenkt und drängend wird. Wie Körper, Herz und Geist darauf reagieren. Welchen Mustern und gewohnheitsmäßigen Perspektiven wir auf die Schliche kommen können. Nur mit Hilfe der Neugier dafür können wir neue Erkenntnisse sammeln.  

2. Meditation macht passiv 

Manche glauben, Meditation bedeutet sich darin zu üben, dass alles Erleben an einem abperlt. Dass man auf gewisse Weise unbesiegbar oder zumindst unberührbar wird (“Dann macht mir das alles nichts mehr aus”). Doch Indifferenz, Gleichgültigkeit und “über den Dingen zu stehen” ist nicht das Ziel der Praxis.  

Meditation zeigt uns, dass es einen Unterschied gibt zwischen Akzeptanz und Erdulden.  

  • Akzeptanz bedeutet: anzuerkennen, was da ist. Sagen zu können “So ist es” (und nicht anders), auch wenn wir das vielleicht nicht wünschen und uns freuen würden, wenn es anders wäre.  
  • Erdulden heißt, dass wir etwas ertragen, weil wir keine andere Wahl haben. Wir erstarren oder erschlaffen, fühlen uns ohnmächtig oder überfordert. Das kann nicht Ziel der Meditation sein. 

Meditation macht also nicht kalt, sondern bewusster und aktiver. Sie führt in keine „Egal-Haltung“ und wir sollen auch nicht einfach alles hin. Im Gegenteil, Meditation und Handlung sind miteinander verknüpft. Meditation hilft uns, uns zu beruhigen, zu klären und zu stabilisieren, so dass Handlung überhaupt erst möglich wird. 

Und wenn man den Buddha fragt, nicht irgendeine Handlung, sondern eine Art und Weise mit uns selbst und anderen umzugehen, die von Respekt, Empathie und Wohlwollen geprägt ist  

3. Man muss im Sitzen meditieren 

Welche Bilder verbinden wir mit dem Wort Meditation? Jemand der mit einem Mona-Lisa-Lächen zufrieden im Lotussitz ruht? Ein Meditationskissen? Das sind vermutlich bekannte Bilder – aber schon in den frühbuddhistischen Texten wird von Meditierenden auch im Gehen, Stehen, Liegen berichtet. 

Darauf lassen sich allerdings die wenigsten Übenden ein – weil sie vermittelt bekommen haben, dass die “wirklich” Praxis im Sitzen stattfindet. Dabei hat jede Haltung ihre Vorteile (und Nachteile) und wirkt anders auf den Körper ein.  

Hinzu kommt, dass es manchen Menschen einfach nicht möglich ist, im Sitzen zu meditieren oder einen Schneidersitz einzunehmen. Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das Sitzen in Schneidersitz oder Lotushaltung in der Zeit des Buddhas alltagsüblicher war, als es heute ist. Und während wir uns in eine unserem Körper unbekannte Haltung zwängen, war dies damals eine angenehme Haltung. Zum Glück gibt es inzwischen allerlei Hilfsmittel, wie spezielle Hocker (manche auch mit Rückenlehne), die aushelfen können.  

Wer seine Haltungen ausweitet und neugierig auch das Gehen, Stehen und Liegen erkundet, der erweitert die Möglichkeiten zu üben genauso wie er mit seinem Körper und seinen unterschiedlichen Stimmungen respektvoll umgeht – und die Praxis diesen anpasst, anstatt sie in eine idealtypische Vorstellung zu zwängen.  

4. Meditation tut immer gut 

Dieser Mythos hat es in sich – die Idee, dass Meditation immer und allen guttun würde. Und dass sie zwangsläufig dazu führt, dass wir uns friedlicher und zufriedener fühlen.  

Für manche von uns ist Meditation etwas, dem wir uns nur mit Bedacht und Unterstützung eines / einer erfahrenen Lehrenden nähern sollten. Denn die Begegnung mit den eigenen Dynamiken kann herausfordernd – und ohne die richtigen Hilfsmittel auch überfordernd sein. Da braucht es das richtige Handwerkszeug und die Kenntnis über Alternativen, damit man mit intensiven Erfahrungen auf eine Weise umgeht, die nicht mehr Leid schafft.  

Generell gilt, wenn Meditation überfordert, Enge und Ängste schafft, dann ist es angebracht aufzuhören und sich Unterstützung zu holen. Vielleicht gibt es eine Form (zum Beispiel in Bewegung), die hilfreicher ist oder auch einen anderen Fokus (zum Beispiel sich im Raum und den Sinnen zu verorten, anstatt die Augen zu schließen und sich nach innen zu wenden).  

6. Meditation allein ist wirksam  

Manchmal bekommt man inmitten der vielen Angebote für Achtsamkeits- oder Atemmeditation den Eindruck, dass Meditation allein alle unsere Probleme und Herausforderungen lösen könnte. 

Der Buddha war da anderer Meinung, bettete er doch die meditative Praxis in einen achtfachen Pfad ein, auf dem neben der Kultivierung von Herz und Geist durch Meditation und Achtsamkeit auch das Erkunden der eigenen Integrität sowie das Entwickeln eines eigenen Gespürs dafür was hilfreich ist und was nicht (Weisheit) von großer Bedeutung sind.  

Wer also “nur” meditiert, ohne die eigene Ethik (sila) und die eigene Weisheit (panna) zu entwickeln, dessen Praxis wird einseitig bleiben. 

Reflexionsfragen 

  1. Welche Erwartungen habe ich an meine Meditationspraxis? Worüber ärgere ich mich? Was frustriert mich? Was strengt mich an?  
  1. Inwiefern ist meine Meditationspraxis eine Bereicherung? Wo erfahre ich Neugier, womit experimentiere ich? Was macht mir Freude oder schenkt mir Wohlbefinden in meiner Praxis?  
  1. Welche Brücken schlage ich zwischen Meditationspraxis und meinem Alltag, meinen Beziehungen, meinem Handeln? 
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