Arahant
Arahant (Pali; Sanskrit: Arhat) bezeichnet in der buddhistischen Tradition einen „Würdigen“ [eine Person, die Gier, Abneigung und Verblendung grundlegend überwunden hat]. Aus säkular-buddhistischer Sicht beschreibt der Begriff kein übernatürliches Ideal, sondern einen erfahrungsnahen Reifegrad: weitgehende Freiheit von reaktiven Mustern, verlässliche Ethik, Klarheit des Blicks und mitfühlende Handlungsfähigkeit. Entscheidend ist nicht Status, sondern Praxis: das stabile Verkörpern einer Lebensweise, die Leid spürbar verringert – individuell, zwischenmenschlich und gesellschaftlich.
Übersetzung und Wortherkunft
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Pali: arahant (auch arahata/arahat); Sanskrit: arhat
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Übliche Übersetzungen: der Würdige, der Vollendete, der Befreite
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Etymologie: aus der Wurzel arah-/arh- („würdig sein“, „verdienen“); verweist auf Würdigkeit von Ehrung und Vertrauen aufgrund gelebter Befreiungspraxis
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Verwandte Begriffe: nibbāna/nirvāṇa (Erlöschen unheilsamer Tendenzen), āsava-ākhaya (Erschöpfung der Trübungen), kilesa (Verunreinigungen), ariya (edel), śrāvaka (Hörer)
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Hinweise: In ostasiatischen Traditionen oft als Luóhàn/Rakan (羅漢/羅漢) bezeichnet; in der Ikonographie als Vorbild- und Lehrfigur dargestellt.
Beschreibung und Bedeutung
Der Arahant verkörpert im Dharma das Ziel einer Praxis, die an den Ursachen des Leidens ansetzt: an unheilsamen Gewohnheiten, starren Selbstbildern und unbewussten Reiz-Reaktions-Ketten. Praktisch bedeutet dies, Sinnesreize, Gefühle, Gedanken und Impulse als bedingt zu erkennen und nicht mehr zu ergreifen; Ethik wird zu verlässlicher Fürsorge, Achtsamkeit zu methodischer Präsenz, Sammlung zu stabiler Klarheit. Im Rahmen des Achtfachen Pfades konsolidiert ein Arahant rechte Ansicht (realistische, erfahrungsbezogene Orientierung), rechte Absicht (Nicht-Übelwollen, Harmlosigkeit) sowie rechte Rede/Handlung/Lebensweise (nicht schaden), getragen von rechter Anstrengung, Achtsamkeit und Sammlung. Klassisch werden vier Anhaftungsfelder überwunden: Sinnesbegehren, Ansichten-Fixierung, Ritualismus und Selbstsicht. Säkular gelesen heißt das: flexible Identität, wertegeleitete Entscheidungen, transparente Mittel, überprüfbare Wirkungen. Arahantschaft ist damit kein abgehobener Endzustand, sondern ein Name für die reale Möglichkeit stabiler Befreiungstugenden im Alltag.
Säkularer Buddhismus
Im Säkularen Buddhismus (weltlich-empirische Ausrichtung) beschreibt „Arahant“ einen Grad praktischer Freiheit: deutlich verringerte Reaktivität, robuste Mitgefühlskompetenz, verlässliche Integrität und nüchternes, kontextsensibles Verstehen. Relevanz entsteht aus überprüfbaren Kriterien: weniger Schaden, mehr Kooperation; konsistente Rede und Handlung; Fähigkeit zur Reparatur nach Fehlern; Resilienz unter Druck. Der Fokus liegt auf Bedingungen statt Zuschreibungen: Wie werden Muster erzeugt, stabilisiert, verändert. Arahant ist so ein funktionaler Begriff für Verkörperung – nicht ein Status, der verehrt wird, sondern ein Lernziel, das gemeinschaftlich gepflegt und an Ergebnissen gemessen wird.
Theravada und Mahayana
Im Theravada ist Arahant das klassische Befreiungsideal: die vollständige Erschöpfung der Trübungen (āsava) und der Fesseln (saṃyojana) durch Einsicht in Vergänglichkeit (anicca), Unbefriedigtheit (dukkha) und Nicht-Selbst (anattā). Die vier Stufen (Sotāpanna, Sakadāgāmi, Anāgāmi, Arahant) markieren eine prozesshafte Läuterung; Ethik, Sammlung und Einsicht greifen dabei ineinander. Im Mahayana wird das Arahant-Ideal respektiert, aber relativiert zugunsten des Bodhisattva-Ideals, das Weisheit und Mitgefühl für das Wohl aller betont. Ikonographisch erscheinen Arhats (Luóhàn) als Lehr- und Vorbildfiguren; doktrinär wird der Schwerpunkt auf Leerheit (śūnyatā) und universales Mitwirken gelegt, insbesondere im Tibetischen Buddhismus.
Bezug zu westlichen Konzepten
Der Arahant korrespondiert mit der Figur des Weisen in Tugendethiken (Aristoteles’ phronēsis) und der stoischen Gelassenheit als Urteilskraft und Emotionskompetenz. In moderner Psychologie spiegelt er stabile Selbstregulation, geringe kognitive Fusion und prosoziale Motivation; in Verhaltenswissenschaften eine konsistente Wertehandlungsfähigkeit trotz situativer Schwankungen. Systemtheorie und ökologische Psychologie betonen, dass eine „befreite“ Person Muster mitgestaltet statt ihnen zu unterliegen. Anders als Heiligkeitsideale mit metaphysischem Anspruch bleibt der säkulare Arahant empirisch: Er/Sie wird an nachvollziehbaren Wirkungen gemessen – weniger Schaden, mehr Gerechtigkeit, verlässliche Fürsorge, belastbare Kooperation.
Bezug zur täglichen Praxis und ethischem Leben
Alltagsnah zeigt sich das Ideal in: klarer, freundlicher Rede; fairem, nicht ausbeuterischem Handeln; bewusster Lebensweise; Üben von Achtsamkeit und Sammlung im Beruf und in Beziehungen; Bereitschaft zu Reparatur und Wiedergutmachung. Beispiele: vor Entscheidungen Folgen für Betroffene prüfen; Transparenz über Motive schaffen; bei Konflikten innere Reaktivität regulieren, aktiv zuhören, Bedürfnisse klären; Konsum auf Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit ausrichten; Macht- und Näheverhältnisse verantwortungsvoll gestalten. So wird „Arahant-Qualität“ zu einer kollektiven Kompetenz: weniger Verstrickung, mehr Präsenz und Fürsorge – wirksam im Familienleben, in Organisationen und in der Zivilgesellschaft.
Suttas
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Dhp 90–99 (Dhammapada, Kapitel „Arahantavagga“)
Darstellungen und Qualitäten des Arahant als vorbildlicher Übender; betont Ruhe, Unabhängigkeit von Anhaftung und vertrauenswürdige Integrität.
https://suttacentral.net/dhp90-99 -
MN 26 Ariyapariyesanā-Sutta (Mittlere Sammlung)
Die Selbstbeschreibung des Buddha enthält den Titel „arahant“; betont die edle Suche, die zu einer lehr- und gemeinschaftsdienlichen Befreiungspraxis führt.
https://suttacentral.net/mn26 -
SN 22.59 Anattalakkhaṇa-Sutta (Gruppierte Sammlung)
Kernlehre zu Nicht‑Selbst an den fünf Aggregaten; zeigt den Einsichtsprozess, der Anhaften beendet und Arahantschaft ermöglicht.
https://suttacentral.net/sn22.59
Weitere Quellen
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Walpola Rahula: Was der Buddha lehrte. Theseus, 2012, ISBN 978‑3899015971.
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Peter Harvey: An Introduction to Buddhist Ethics. Cambridge UP, 2000, ISBN 978‑0521556408.
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Mark Siderits: Buddhism as Philosophy. Hackett, 2007, ISBN 978‑0872208735.
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Jay L. Garfield: Engaging Buddhism. Oxford UP, 2015, ISBN 978‑0190204341.
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Ajahn Chah: Food for the Heart. Wisdom, 2002, ISBN 978‑0861713233.
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Bhikkhu Ñāṇamoli & Bhikkhu Bodhi (Übs.): The Middle Length Discourses of the Buddha (MN). Wisdom, 2005, ISBN 978‑0861710720.
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The Connected Discourses of the Buddha (SN). Wisdom, 2000, ISBN 978‑0861713318.
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Stephen Batchelor: Nach dem Buddhismus. Suhrkamp, 2018, ISBN 978‑3518127156.
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Marshall B. Rosenberg: Gewaltfreie Kommunikation. Junfermann, 2016, ISBN 978‑3955715261.
Links zu Enzyklopädien
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Wikipedia (DE): Arhat – https://de.wikipedia.org/wiki/Arhat
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Britannica (EN): Arhat – https://www.britannica.com/topic/arhat
