Besinnlichkeit und Staunen sind wie zwei Türen, durch die wir im Alltag Feierlichkeit erleben und mit unserer Fähigkeit uns zu wundern (wieder) in Kontakt kommen. Beide erinnern daran, dass dieses Leben mehr ist als Aufgabenlisten, Rollen und Funktionieren – und dass Herz und Geist einen Raum brauchen, in dem sie berührbar werden dürfen. Besinnlichkeit meint dabei nicht nur Ruhe und Kerzenschein – sie ist kein Instagramm-Produkt. Vielmehr entsteht eine authentische Besinnlichkeit dann, wenn wir berührt sind von etwas, das für uns Bedeutung hat, wenn wir innehalten, wenn unser Alltagsbewusstsein Raum macht und Hingabe spürbar wird.
Damit solche Augenblicke überhaupt möglich werden, braucht es eine Vorbereitung von Körper und Herz-Geist. Ein getriebener, enger, sprunghafter Geist hat es schwer, mit Besinnlichkeit und Staunen in Kontakt zu kommen. Die Erfahrungen rauschen an ihm vorbei. Nicht umsonst lädt die buddhistische Praxis dazu ein, Qualitäten wie Achtsamkeit, Ruhe, Sammlung und Gelassenheit zu nähren. Das sind Qualitäten, die den Herz-Geist wach machen und ihn aus der Trance des Alltags, des Sein-Müssens und Haben-Wollens herausführen.
Besinnlichkeit trifft Rückbesinnung
Besinnlichkeit lädt auch zur Rückbesinnung ein. Sich zu besinnen heißt: sich erinnern, was wichtig ist, was nährt, trägt und als innerer Kompass dienen darf. Dieses Erinnern ist kein Zufall, sondern
eine aktive Praxis – wir laden bewusst in den Herz-Geist ein, was uns inspiriert und Halt gibt. Diese Praxis der Rückbesinnung (in der buddhistischen Lehre anussati genannt) ist eine aktive Hinwendung zu den Qualitäten, Werten und Bildern, die den inneren Kompass wieder ausrichten.
Diese Praxis verbindet die Achtsamkeit mit dem aktiven Erinnern an Werte, inspirierende Qualitäten und heilsame Erfahrungen. Damit wird unsere buddhistische Praxis, aber auch das Handeln im Allgemeinen wieder „sinnvoll“ – wir kommen von einer Haltung der Pflicht, des Müssens und Sollens in eine kräftigere und selbstbestimmtere Haltung.
Die Bedeutung der Rückbesinnung
Im Alltag geht leicht verloren, warum überhaupt meditiert, geübt oder Dharma studiert wird – dann verwandelt sich Praxis schnell in Pflicht oder Routine. Rückbesinnung (anussati) erinnert daran, dass Meditation kein Ziel an sich ist, sondern ein Werkzeug, um Herz und Geist zu pflegen und mehr Frieden, Weite und Freiheit im Leben zu erfahren.
Indem der Herz-Geist immer wieder mit dem „Warum“ der Praxis in Berührung gebracht wird, entsteht eine Atmosphäre von Sinn, Zuversicht und Wohlwollen, statt von „Ich bring es eben hinter mich“. Rückbesinnung ist damit eine Gegenbewegung zur inneren Erschöpfung, zum Zynismus und zur Flucht in Ablenkung.
Was Rückbesinnung im Dharma meint
Der Pali-Begriff anussati trägt das Wort sati (Achtsamkeit) in sich und verweist auf ein waches Erinnern: Wir wenden uns bewusst Qualitäten, Bildern und Erfahrungen zu, die beruhigend, klärend und aufrichtend wirken. Rückbesinnung ist keine Analyse, sondern ein achtsames Verweilen bei heilsamen Themen wie Dankbarkeit, Integrität, Verbundenheit oder Vertrauen.
Diese Form der Kontemplation beeinflusst spürbar das „innere Klima“: Nervöse Energien kommen zur Ruhe sich, der Körper entspannt sich, das Herz weiter, der Geist gesammelter. In den Lehrreden wird zudem beschrieben, wie sich durch Rückbesinnung Freude, körperliches Wohlbefinden und Sammlung entfalten können.
Rückbesinnung als gestalterische Kraft
Rückbesinnung ist eine aktive Praxis: Sie setzt bewusste Impulse in Herz und Geist, statt das innere Geschehen nur passiv zu beobachten. Ein Thema – etwa Dankbarkeit oder die Reflektion der eigenen Integrität – steckt gewissermaßen das innere Übungsfeld ab, innerhalb dessen sich die Aufmerksamkeit Gedanken, Erinnerungen und Bildern zuwendet, die dieses Thema widerspigeln.
So erinnern wir uns aktiv an Handlungen, in denen es gelungen ist ein wenig Fürsorge zu zeigen, in denen wir Rücksicht genommen haben, ein spitzes Wort nicht gesagt haben – und freuen uns daran, dass uns eine solche ethische Handlung gelungen ist. Oder wir erinnern uns daran, was uns einmal auf diesen Weg des Dharmas gebracht hat – und welche Momente der Erleichterung, Ruhe und Kraft wir dadurch bereits erleben durften.
Man kann sich die Praxis der Rückbesinnung vorstellen, wie das Werfen eines Steins in einen See: Die gewählte Erinnerung oder Vorstellung hinterlässt einen Eindruck im Herzgeist, sie schlägt Wellen. Wellen von Wohlbefinden, Weite, Wärme und Verbundenheit. Diesen Wellen kann man nachspüren, sich an ihnen freuen und in ihnen Rückhalt finden.
Zuflucht und Rückbesinnung
Diese aktive Suche nach Rückhalt wird in der buddhistischen Praxis als Zufluchtnahme verstanden. Üblicherweise nehmen buddhistische Praktizierende Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha.
Doch das gelingt nur, wenn diese Begriffe für uns auch Bedeutung haben. Und so ist Rückbesinnung auch immer zunächst einmal ein Fragen danach, was sich für uns denn tatsächlich und authentisch inspirierend anfühlt. Was gibt mir denn ein Gefühl von Bedeutung und Sinnhaftigkeit?
Die Bedeutung, die diese „drei Juwelen“ tragen können, sind zum Beispiel:
- Im Buddha das menschliche Potenzial für weniger Leid, Druck und Stress widergespiegelt zu sehen. Er kann uns in seiner Rolle als Suchender inspirieren, der konsequent erforscht hat, wie Leid gelindert werden kann.
- Im Dharma die Möglichkeit eines alltagsnahe, schrittweisen Wandlungsweges, der gangbar ist für Menschen wie dich und mich und den wir jeden Tag neu begehen können.
- In der Sangha die Kraft menschlicher Begegnung und Gemeinschaft zu erinnern. Sangha verkörpert Verbundenheit, geteiltes Menschsein und die herzöffnenden Qualitäten von Freundlichkeit, Mitgefühl, Wertschätzung und Gelassenheit
Weitere Formen der Rückbesinnung
Rückbesinnung kann mitten im Alltag geübt werden, dafür braucht es nicht unbedingt ein Ritual, eine besondere Umgebung oder Gemeinschaft (auch wenn diese guttun können).
Neben der Zufluchtnahme in Buddha, Dharma und Sangha finden wir in den Lehrreden des Buddhas auch noch anderen Möglichkeiten Zuflucht zu nehmen:
- Zuflucht in Dankbarkeit und Wertschätzung: Sich an kleine und größere Gesten der Unterstützung, Zuwendung und des Wohlwollens erinnern – sowohl eigene als auch die der anderen.
- Zuflucht in die eigene Ethik und die schätzenswerten Qualitäten, die sich in unseren Handlungen zeigen. Wir dürfen uns Momente ins Gedächtnis rufen, in denen wir freundlich, fair, geduldig oder großzügig gehandelt haben. Oder eine solche Handlung empfangen haben.
- Zuflucht in Verbundenheit und Gemeinschaft nehmen, indem wir uns Momente bewusst machen, in denen wir unterstützt, begleitet oder inspiriert wurden oder in denen wir selbst Halt geben konnten.
Umgang mit Hindernissen
Dass Zweifel, Scham oder kritische innere Stimmen diese Praxis begleiten ist im Übrigen nicht ungewöhnlich. Wir kommen in Kontakt mit den Dynamiken und Anteilen, die kritisch sind, beurteilen und abwägen, was gut genug sei.
Einen heilsamen Umgang mit diesen Anteilen zu finden, kann ebenso befreiend sein, wie das Erfahren der Zuflucht selbst.
Gelingt es uns, dann sehen wir sie als Muster, die durch werten und bewerten versuchen Orientierung zu schaffen und uns selbst auszurichten. Die Achtsamkeit hilft uns, sie zu erkennen und Abstand zu ihnen zu gewinnen – letzten Endes sind es Gedanken, die eine mögliche Perspektive anbieten. Was sie nicht sind, ist die Wahrheit über mich, andere oder die Welt. zu sprechen.
Ist das erkannt, dann darf die Aufmerksamkeit wieder sanft zu dem gewählten Bild oder Thema zurückkehren und die Zuflucht ihren Lauf nehmen.


