Säkularer Buddhismus kurz erklärt

saekularer buddhismus buddhastiftung

Von Buddhastiftung

Eine zeitgemäße Perspektive auf die zeitlose buddhistische Weisheitstradition

Durch die Betonung persönlicher Erfahrung, Achtsamkeit, Mitgefühl, Ethik und die Erkenntnis der eigenen Denk- und Handlungsmuster gibt der Säkulare Buddhismus uns Werkzeuge an die Hand, um mit den Herausforderungen des Lebens auf eine sinnvolle Weise umzugehen. Dies bedeutet, als sterbliches und soziales Wesen möglichst das zu verwirklichen, was wir als sinnvoll und bedeutend für uns, andere und die Welt erkennen. Es ist eine Einladung, die Weisheit der buddhistischen Tradition zu nutzen, um in einer komplexen, sich schnell verändernden Welt den Wandel in uns und in unseren Beziehungen mitzugestalten.

Die Lehren lebendig halten

Die Geschichte des Buddhismus zeigt, dass die Lehren (Dharma) im Laufe der Jahrhunderte von den Menschen an die vielfältigen kulturellen Einflüsse angepasst wurden. So entstand z.B. Zen in China und wurde in Japan angepasst oder in Tibet entwickelte sich eine eigene Form aus dem indischen Buddhismus.
Der Säkulare Buddhismus setzt diese Tradition der Anpassung fort, indem er die Lehren im Kontext unserer Zeit interpretiert. Dies spiegelt aus Sicht des säkularen Buddhismus wider, dass das Herz des Buddhismus nicht in starren metaphysischen Konzepten und Dogmen liegt, sondern in den zeitlosen Weisheiten, die auf die Bedürfnisse der jeweiligen Generationen und Kontexte zugeschnitten werden können.
Eine solche Evolution ist ein natürlicher Prozess, der im Buddhismus als „Naturgesetz“ der stetigen Veränderung und Wechselwirkungen aller Dinge (somit auch des Buddhismus selbst) beschrieben ist.

Betonung persönlicher Erfahrung

Der Säkulare Buddhismus legt großen Wert darauf, wie die Lehren auf die individuelle Erfahrung und das Handeln angewendet werden können. Anstatt dogmatischer Glaubensüberzeugungen (z.B. Wiedergeburt) oder fixierter ritueller Praktiken steht die direkte persönliche Erfahrung im Mittelpunkt. Die Praktizierenden werden ermutigt, die Lehren selbst zu erkunden und zu überprüfen, um zu sehen, ob sie persönlich dazu beitragen, ihr Leben und das der anderen zu bereichern. Auf diese Weise wird jeder Praktizierende zur kritischen Betrachtung der Lehren und Praktiken ermutigt.

Ethische Achtsamkeit und Präsenz

Die Praxis der Achtsamkeit auf Basis der über 2500 Jahre alten, ursprünglichen Anleitung (Satipatthana) spielt eine wichtige Rolle im Säkularen Buddhismus. Dabei ist ein zentraler Aspekt eine Praxis der Achtsamkeit, die sich nicht nur nach innen auf unseren Geist und unsere Emotionen bezieht, sondern auch nach aussen auf unsere Beziehung zu den Mitmenschen und allen Lebewesen, d.h. zur gesamten Natur.
Indem wir uns bewusst sind, dass wir soziale Wesen sind, die alle miteinander verbunden sind, erkennen wir, wie unsere Handlungen die Umwelt beeinflussen und entwickeln eine tiefere Wertschätzung und Mitgefühl für alles Leben auf dieser Erde und für ihre Ressourcen.

Mitgefühl und Ethik

Die Praxis des Mitgefühls (karuna) und ethisches Verhalten sind im Säkularen Buddhismus von großer Bedeutung. Das Streben nach Wohlwollen und Freundlichkeit gegenüber sich selbst und anderen sowie das Bemühen um ethisches Handeln sind die Eckpfeiler. Indem wir Mitgefühl auf all diesen Ebenen anwenden, erkennen wir die untrennbare Verbundenheit alles Lebens.
Der Säkulare Buddhismus hebt hervor, dass die ethischen Prinzipien, die das Leiden mindern und Mitgefühl fördern, nicht von metaphysischen Annahmen wie der Wiedergeburt abhängen. Während traditionelle buddhistische Lehren Wiedergeburt, Reinkarnation und Karma betonen, fokussiert sich der Säkulare Buddhismus auf die Bedeutung von Mitgefühl, Achtsamkeit und dem Verstehen der Natur des Leidens im Hier und Jetzt.

 

Der Weg – Die vier Aufgaben

Statt Aussagen über die Beschaffenheit der Welt als Wahrheiten zu verkünden, wie es der traditionelle Buddhismus tut, interpretiert der Säkulare Buddhismus die buddhistischen Weisheiten als Anleitung zu einem authentischen und selbstverantwortlichen Leben als soziales Wesen.
Stephen Batchelor, ehemaliger Mönch in der tibetischen und dann Zen-Tradition, hat dazu den klassischen „Vier edlen Wahrheiten“ in der Form der „Vier Aufgaben“ neues Leben eingehaucht. Aus einem Glaubenssystem wurde so ein Aufruf zum Handeln, selbstverantwortlich das eigene Leben zum Wohle aller Lebewesen zu entwickeln.

1. Aufgabe: Das Leben annehmen und verstehen

Eine der grundlegenden Lehren des Buddhismus ist das Konzept vom „Leiden“ (Dukkha), d.h. die allgemeine und individuelle Unzufriedenheit mit den Bedingungen des Lebens und die Ursachen dieser Unzufriedenheit.
Diese Unzufriedenheit entsteht aus der evolutionären Gier und dem Festhalten an Dingen, die unbeständig sind sowie aus dem Widerstreben gegen Veränderungen.

2. Aufgabe: Die reflexartigen Reaktionen und Muster erkennen und loslassen

Die Erkenntnisse aus der ersten Aufgabe können uns dabei unterstützen, weniger an Dingen und Vorstellungen festzuhalten und flexibler auf Veränderungen zu reagieren. Indem wir die Mechanismen unseres Geistes verstehen lernen, können wir Denkmuster und Konditionierungen erkennen und transformieren.

3. Aufgabe: Freiheit und Leichtigkeit erfahren

Durch die kontinuierliche Praxis der ethischen Achtsamkeit und des Mitgefühls können wir erfahren, dass es sich befreiend anfühlen kann, wenn wir nicht mehr so oft mit unseren automatischen Mustern reagieren. Wir können stattdessen die Ungewissheit ertragen lernen, wie sich unser Handeln am Ende auswirkt, auch wenn wir die Absicht kultivieren, möglichst hilfreich zu agieren.

4. Aufgabe: Zum Wohle von einem selbst und allen Lebewesen handeln

Im Säkularen Buddhismus wird der Einzelne dazu ermutigt, die Verantwortung für sein eigenes Wohlbefinden zu übernehmen. Traditionell ist der Ausgangspunkt dazu der „Achtfache Pfad“. Statt nach Antworten außerhalb von sich selbst zu suchen (z.B. bei Lehrern oder religiösen Dogmen), wird die Fähigkeit und Notwendigkeit jedes Einzelnen betont, seine eigene Praxis zu gestalten und Veränderungen in seinem Leben herbeizuführen.

Gemeinschaftliches Engagement

Der Säkulare Buddhismus ermutigt zur Bildung von Gemeinschaften, die sich für soziale Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit einsetzen. Indem wir uns mit Gleichgesinnten zusammenschließen, können wir kollektiv Veränderungen herbeiführen und eine positive Wirkung auf die Welt um uns herum haben.

Aktion statt Apathie

In vielen traditionellen buddhistischen und auch modernen Achtsamkeitsansätzen steht die persönliche Befreiung von Leiden oder Stress im Vordergrund. Im Säkularen Buddhismus geht es jedoch darum, nicht nur das eigene Leiden zu mindern, sondern gleichgewichtig aktiv dazu beizutragen, das Leiden in der Welt zu reduzieren. Dies bedeutet, sich sozialen Problemen zuzuwenden und aktiv Lösungen zu suchen.

Integration in das tägliche Leben

Die soziale Ausrichtung des Säkularen Buddhismus geht über bloße Ideen hinaus. Sie wird in das tägliche Leben integriert, sei es durch bewusstes Handeln, Spenden für wohltätige Zwecke oder das Engagement in sozialen Projekten. In diesem Sinne verstanden ist es Empowerment zu einer Lebenspraxis oder Lebenskunst, die im klassischen antiken Sinn eines Sokrates ein „gelungenes Leben“ auszeichnet.

 

Zusammenfassung

Der Säkulare Buddhismus eröffnet eine Perspektive, in der die Praxis nicht isoliert von den Herausforderungen der Welt existiert, sondern eng mit ihnen verknüpft ist. Durch die Betonung der sozialen Verantwortung für alle Lebewesen und den gesamten Planeten fordert uns diese Tradition auf, aktiv an der Gestaltung einer besseren Welt mitzuwirken. Indem wir unsere Handlungen, Gewohnheiten und Entscheidungen im Einklang mit dieser Ethik ausrichten, können wir unseren Beitrag dazu leisten, das Wohl aller Lebewesen zu fördern und den Planeten als lebendigen Organismus zu respektieren, den es zu schützen gilt. Der Säkulare Buddhismus erinnert uns daran, dass unsere individuellen Handlungen eine kollektive Wirkung haben und dass wir die Kraft haben, positiven Wandel herbeizuführen – für uns selbst, für andere Lebewesen und für die Erde als Ganzes.

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